Kattowitz
Der Schnee muss vom Dach

Der Eigentümer von acht großen Hallen wollte, dass wir alle ihre Dächer abräumen, aber wir haben auch so schon viel zu tun“, bedauert Norkowski einen entgangenen Großauftrag. Sein Unternehmen hat inzwischen Probleme, genügend Mitarbeiter zu finden.

HB WARSCHAU. „Wer will schon bei der Kälte im Schnee schuften?“, fragt Norkowski rhetorisch. Die Gebäude seien für den Einsatz von Maschinen zu schwach konstruiert. „Um in Handarbeit eine Dachfläche von 15 000 Quadratmetern von Schnee zu räumen, arbeiten zehn Leute zehn Tage“, berechnet der Firmenchef. Das koste 20 000 Zloty (5 200 Euro) - eine Summe, die sich viele Unternehmen bisher lieber sparten. Dabei herrscht an Flachdächern in Polen kein Mangel - ob Supermärkte oder Einkaufszentren, Messe- und Sporthallen. Der Winter kann lang und kalt sein, mit reichlich Schnee. Nun wird in Polen immer lauter die Frage gestellt, ob die Gebäude für das Klima geeignet sind.

Es gibt - noch - keine Vorschriften, um die Besitzer großer Hallen zu bestrafen, die den Schnee nicht von ihren Dächern räumen, obwohl außer der Belastung für die Gebäudestatik auch die Gefahr von Dachlawinen hinzukommt. „Ich habe nur rund 30 Mitarbeiter“, klagt etwa Jacek Laskowski, der für die Zwei-Millionen-Stadt Warschau zuständige Bauinspektor. Trotzdem müssen die Bauinspektoren in diesen Tagen die Routinearbeit ruhen lassen, schon am Sonntag überprüften sie mehrere große Einkaufszentren, den Bahnhof und den Flughafen.

Im ganzen Land sollen solche Kontrollen durchgeführt werden, ordnete der für das Bauwesen zuständige Minister Jerzy Polaczek an.

Das kann dauern - es gibt allein 700 so genannter Hypermärkte in Polen, und ähnlich wie Super- und Billigmärkte sind sie Leichtblechbauten mit Flachdächern. „Es wird zu schnell gebaut, Hauptsache es ist billig“, kritisierte Leonrad Runkiewicz, Professor am Institut für Bautechnologie in Warschau, in der Zeitung „Zycie Warszawy“. Seit Sonntag scheint das Bewusstsein für die mögliche Gefahr geweckt. Supermärkte schickten die allgegenwärtigen Sicherheitsleute auf die Dächern, um Schnee zu schippen, statt nach Ladendieben Ausschau zu halten.

Fast überall war die Schneedecke mindestens 40 Zentimeter hoch. „Es ist schlimm, dass es erst zu einer solchen Tragödie kommen musste, bis die Leute verantwortlich handeln“, sagt Feuerwehrmann Piotr Palewsk. Trotzdem fand die Feuerwehr allein am Sonntag 216 Gebäude mit Gefahrenquellen durch Schneelasten. Die Einkaufszentren in Warschau geben zwar an, die Schneedecke auf ihren Dächern regelmäßig zu entfernen, doch nur ein Zentrum überprüft systematisch mit Kameras, wie viel Schnee auf dem Dach lastet. „Wenn es mehr als zehn Zentimeter sind, schicken wir Mitarbeiter aufs Dach“, sagte der Sicherheitschef der Galeria Mokotow. Gerade einmal 24 Stunden nach der Tragödie von Kattowitz wurde im oberschlesischen Bytom (Beuthen) ein Supermarkt evakuiert, nachdem ein Riss in der Decke bemerkt wurde. Auch auf dem Dach dieses Gebäudes lag eine etwa 40 Zentimeter dicke Schneedecke.

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