Key West
Der Morgen nach Irma

Mit Anbruch des Morgens in Florida werden die von Hurrikan Irma verursachten Schäden begutachtet. In Key West ist Infrastruktur zumindest beschädigt, doch wichtige Brücken scheinen nicht zerstört.
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Key WestAm Sonntag ist Hurrikan „Irma“ erstmals auf die USA getroffen – er traf die „Keys“, die Florida vorgelagerte Inselgruppe, mit Stärke 4 auf Höhe von Cudjoe Key. Die normalerweise belebte Partymeile Duval Street in Key West und der Ocean Drive in South Beach waren menschenleer, Fensterfronten verbarrikadiert. Nur wenige Menschen hatten hier ausgeharrt, die meisten waren der Evakuierungsaufforderung der Behörden gefolgt.

In einer Wohnung hatte sich Nate Rogers mit ein paar Bekannten verschanzt. Der Kapitän einer Firma, die Angelausflüge anbietet, hatte einen Helm und eine Schutzbrille angezogen und filmte in der Nähe des Internationalen Flughafens von Key West, wie vor einem Apartment-Gebäude Irma Palmen zerrupfte und Wasser über das Land drückte. Nach zwei Stunden brach die Übertragung ab – das Mobilfunknetzwerk war zerstört. Später meldete er, unversehrt geblieben zu sein.

Am Tag danach ist noch unklar, wie groß der Schaden auf der Inselgruppe ist. Die Schadensaufnahme soll mit Anbruch des Tages beginnen. Küstenwache und Navy hatten viele Boote und Flugzeuge verlegt, damit sie vom Sturm nicht beschädigt werden. Die Ausrüstung muss zunächst zurückgebracht werden. Der Chef des Bezirks Monroe County kündigte an, dass ein erstes Militärflugzeug am Montagmorgen am Flughafen landen könne und dann von Haus zu Haus nach Hilfsbedürftigen geschaut werde.

Nur fünf Mann hatten in einem Hurrikan-sicheren Gebäude auf einem Ausbildungsstützpunkt der US-Marine auf den Keys ausgeharrt. Sie alle blieben unversehrt und berichteten in der Nacht auf Montag – wie auch die Küstenwache: Auf Key West gibt es zunächst keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Notfalldienste. Kurzzeitig gab es Gerüchte, wonach Brücken zerstört worden seien, die einige der Inseln miteinander verbinden. Doch der Notfallkoordinator für Florida, Bryan Koon, sagte am späten Sonntagabend, dass der über zahlreiche Brücken verlaufende Highway 1 wohl passierbar sei – wenn auch mit verlangsamtem Tempo. Das Verkehrsministerium will eine Drohne entlang der 160 Kilometer langen Strecke senden.

Koon sagte der Zeitung Tallahassee Democrat: „Ich habe nur vereinzelte Informationen, aber wirklich Katastrophales ist nicht passiert.“ Die Polizei von den Florida Keys hat allerdings ein erstes Todesopfer gemeldet. Ein Mann sei ums Leben gekommen, als er mit seinem Pickup-Truck im Sturm gegen einen Baum gefahren sei.

Die Lage auf den Keys zeigt in jedem Fall, dass mit dem Abflauen des Windes die Lage sich nicht direkt verbessert – auch wenn sich Irma über dem Festland von Florida abgeschwächt hat. Wie groß die Schäden durch den Hurrikan im Detail sind, ist noch völlig unklar. Es gab Berichte über Plünderungen und Einbrüche. Mehr als 3,4 Millionen Haushalte waren ohne Strom. Teile von Miami standen unter Wasser.

Das nationale Hurrikanzentrum stufte den Sturm am frühen Montagmorgen auf die niedrigste Hurrikan-Kategorie eins zurück. Die Winde hätten sich auf bis zu 135 Stundenkilometer abgeschwächt. Zuvor waren Windgeschwindigkeiten von bis zu 229 Stundenkilometern gemessen worden. Im Laufe des Montags sollte Irma vom Hurrikan zum Tropensturm werden, während der Sturm über Nord-Florida ist.

6,5 Millionen Menschen waren zuvor aufgefordert, sich vor Irma in Sicherheit zu bringen. Das entspricht rund 30 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates – es war eine der größten Evakuierungsaktionen in der Geschichte der USA. Weit über 100.000 Menschen harrten in Notunterkünften aus. Viele Wohnungen sind daher derzeit unbewohnt, auch viele Ladeninhaber haben die Städte im südlichen Florida verlassen.

Die Rettungskräfte wollten auch im südlichen Florida mit ihren Einsätzen bis Tagesanbruch warten, sagte der Chef des Katastrophenschutzes, Bryan Koon, der Zeitung „Miami Herald“. Dann erst könne man auch das Ausmaß der Schäden abschätzen und die Zahl der Toten für den ganzen Bundesstaat bekanntgeben.

Weil sich der Sturm in Florida mehr westlich in Richtung Golf von Mexiko verlagerte als erwartet, wurde das dicht besiedelte Gebiet rund um Miami nicht direkt getroffen. Doch weil der Wirbelsturm so riesige Ausmaße hat, war er auch in der Metropole an der Südostküste noch deutlich zu spüren: Drei Baukräne kippten um, auf den Wassermassen zwischen Bürogebäuden bildeten sich Wellen mit Schaumkronen. Die Hochhäuser standen wie Inseln in den Fluten und schwankten im Sturm. „Man fühlt sich wie auf einem Schiff“, sagte er Bewohner eines Apartments im 35. Stock per Telefon.

Die versicherten Schäden in den USA könnten zwischen 20 und 40 Milliarden Dollar liegen, erklärte der Fachdienst Air Worldwide am Montag in einer aktualisierten Schätzung. Auch die Ratingagentur Moody's und der weltgrößte Rückversicherer Munich Re gehen von erheblichen Schäden für die Branche aus.

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Der Morgen nach Irma

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Protokoll eines Key-West-Bewohners

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