Konkurrenzkampf
Wo bleibt die Moral?

Der knallharte Wettbewerb auf den freien Märkten lässt den Teilnehmern keinen Raum für ethische Sentimentalitäten. Diesen Annahme scheint immer stärker an Gültigkeit zu gewinnen – aber nur auf den ersten Blick, denn gerade erfolgreiche Unternehmen tragen müssen viel Verantwortung übernehmen. Ein Essay.

Mackie Messer singt in der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Dabei geht es um die armen Leute, denen man erst einmal etwas zu essen geben sollte, bevor man ihnen moralische Vorhaltungen macht. Das wohl bekannteste Brecht-Zitat lässt aber noch eine andere Lesart zu: Auch in Unternehmen geht es häufig zuerst um das Fressen – das Geld – und dann um die Moral. Die Ökonomie gibt den Ton an, nicht die Ethik, die Lehre von der Moral.

Dabei werden von allen Seiten moralische Forderungen an Unternehmen gestellt. Viele lassen sich unter dem Stichpunkt „Fairness“ zusammenfassen – gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten und natürlich auch den Kapitalgebern. Als Maxime ließe sich Kant zitieren: Ein Mensch darf nie nur ein Mittel sein, er muss immer auch ein Zweck sein. Dazu kommen die Forderungen zur Nachhaltigkeit, hier ist das „Prinzip Verantwortung“, wie ein bekanntes Buch von Hans Jonas heißt, das richtige Schlagwort.

Mitunter geraten sogar einzelne Manager ins Visier der empörten Öffentlichkeit, die Moralvorstellungen verletzt sieht. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, kann mehr als ein Lied davon singen. Er wurde gleich dreifach angegriffen: wegen seiner Rolle bei der Bewilligung von Abfindungen nach der Mannesmann-Übernahme, wegen seines hohen Gehalts und wegen Stellenstreichungen trotz hoher Gewinne der Bank.

Nur: In einer Marktwirtschaft haben Unternehmen eine klare Funktion. Sie sollen Gewinne erwirtschaften. Allein dadurch funktioniert unser wirtschaftliches System. Aber wie viel Spielraum ist da noch für ethische Forderungen, wenn das Handeln von der wirtschaftlichen Logik schon weitgehend bestimmt wird? Auf den ersten Blick nicht viel. Daher hat man auch häufig den Eindruck, dass diese beiden Sphären – Wirtschaft und Ethik – sich letztlich fremd bleiben. Wer harte moralische Forderungen an seine Mitmenschen stellt, begegnet Managern mit großem Misstrauen, weil er fürchtet, dass er von ihnen nicht viel erwarten kann. Und Manager finden häufig, dass ethische Fragen wichtig sind, aber im täglichen Geschäft keinen Platz haben. Leute wie Stephen Green, der Präsident des britischen Bankriesen HSBC, der ein Buch mit dem Titel „Serving God? Serving Mammon?“ veröffentlich hat, sind die Ausnahme. Er fordert, ähnlich wie Kant, Menschen nie nur als Mittel zum Zweck anzusehen, und rät Christen, den Versuchungen der Finanzmärkte ihre persönliche Integrität entgegenzusetzen.

Wie lässt sich die Fremdheit der Sphären – Wirtschaft und Ethik – überwinden? Es gibt mehrere Strategien. Die erste könnte man so beschreiben: Wir gehen aufs Ganze. Die zweite: Wir halten uns an die Gesetze. Die dritte: Wir verlagern in die Privatsphäre. Die vierte: Wir verlagern in die Politik. Die fünfte: Wir bringen Ethik und Marketing zusammen. Die sechste: Wir ertasten Spielräume innerhalb des wirtschaftlichen Korsetts. Wenn man diese Wege näher analysiert, stellt man fest, dass sie sich keineswegs ausschließen, sondern vielfach ergänzen.

Beginnen wir mit Strategie Nummer eins: Wir gehen aufs Ganze. Sie gehört zum intellektuellen Inventar jedes überzeugten Marktwirtschaftlers. Die Argumentationskette ist klar: Nur die Marktwirtschaft funktioniert wirklich gut und schafft Wohlstand, daher ist sie auch unter ethischen Gesichtspunkten das richtige System. Ihre wesentlichen Steuerungsmechanismen sind Preise und Gewinne. Daher müssen Unternehmen auf Gewinne fixiert sein, damit das System funktioniert. Und deswegen ist diese einseitige Fixierung aus dem System heraus gerechtfertigt.

Seite 1:

Wo bleibt die Moral?

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%