Kopf des Tages
Michael Moores persönlicher Wahlkampf

Der Regisseur von "Bowling for Columbine" und "Fahrenheit 9/11" will um jeden Preis die Wiederwahl von George Bush vermeiden. Zurzeit tourt er durch die USA.

HB NEW YORK. Das Schockierendste an "Bowling for Columbine", dem Dokumentarfilm von Michael Moore über das Schulmassaker in Littleton, war Michael Moore. Das Gesicht unrasiert, der Körper fett, die Baseball-Kappe lächerlich, der Gang schlurfend, die Jeans nicht nur an den Knien ausgebeult, die Haare selbst geschnitten - vermutlich mit einem Brotmesser. Der Regisseur sah nicht anders aus, als viele der Leute, die er in seinem Film porträtierte: Durchschnittsamerikaner, die zu McDonald’s frühstücken gehen und zu Hause eine Knarre liegen haben - für den Notfall. Michael Moore sah sogar ein wenig schlimmer aus als diese Leute. Wie ihre Karikatur. Als würde der Mann, der Amerika verändern will, durch die Blume sagen: In diesem Land ist vieles nicht in Ordnung, aber ich bin ein Kind dieses Landes und ich liebe es.

Das haben viele seiner Landsleute aber anders gesehen. Inzwischen gibt es in Amerika eine gut organisierte Anti-Moore-Propagandabewegung. Der Bestseller "Michael Moore Is a Big Fat Stupid White Man" - das Pendant zu seinem ersten in mehrere Sprachen übersetzten Buches "Stupid White Man" - war nur der Anfang. Es kursiert sogar zurzeit einen Dokumentarfilm, der "Michael Moore Hates America" heißt. Vor allem Moores letztes Werk, der Anti-Bush-Film "Fahrenheit 9/11", sorgt für viel Unmut. Viele nehmen dem Regisseur richtig übel, dass er mit der Promotion seines neuen Films ganz klar Wahlkampf gegen den Präsidenten George W. Bush führt.

"Die Amerikaner lieben ihre Stars. Deshalb sollte Tom Hanks für die Demokraten ins Rennen gehen"

So hat der 50-Jährige, der schon während seiner Hippie-Periode an der Davison High School in Flint politisch engagiert war, neulich ein Angebot ausgeschlagen, auf dem Broadway in einer One-Man-Show aufzutreten. Begründung: Er wolle sich voll und ganz auf den Wahlkampf konzentrieren. Er hat angekündigt, eine Filmcrew nach Florida zu schicken, falls sich das Chaos bei der Auszählung der Wahlzettel wie im Jahr 2000 wiederholen sollte. Er hat versucht, Tom Hanks als Kandidaten für die Demokraten zu gewinnen, weil er überzeugt ist, dass ein Filmstar mehr Chancen gegen Bush hätte als der spröde Senator Kerry. Moore ist zurzeit mehr unterwegs als der Bush-Herausforderer. Gerade in diesen Tagen ist er auf Tour durch Dutzende von US-Städten. "Was ich brauche, ist Schlaf", sagt er. " Aber wir leben in einer prekären Zeit." Diese Zeit vergleicht er mit der französischen Resistance.

Und da waren auch alle Mittel gut. Neulich hat Moore sich viel Ärger mit den Republikanern in seinem Heimatstaat Michigan eingehandelt, nachdem er seinen Plan publik machte, die wahlfaulen Studenten mit Geschenken wie Chips, Unterwäsche und Nudeln am 2. November zu den Wahlurnen zu locken. Die Republikaner wollen ihn jetzt verklagen. Auch in Kalifornien hat er keine Freunde: Die Cal State University hat vor kurzem eine Lesung von Moore abgesagt, die drei Wochen vor der Wahl des US-Präsidenten stattfinden sollte. Die Verantwortlichen befürchten, Michaels Moores Worte könnten die Studenten einseitig beeinflussen.

Diese Angst ist begründet: Inzwischen scheinen Moore alle Mittel recht zu sein. Es hat schon einen Grund, warum Moore, der mit "Bowling for Columbine" einen Oskar gewonnen hat, "Fahrenheit 9/11" erst gar nicht nominiert sehen möchte. Denn im Falle einer Nominierung entscheidet die Akademie, wann der Film im Fernsehen ausgestrahlt werden darf. Für Moore drängt aber die Zeit: Er will den Film pünktlich vor den Präsidentschaftswahlen im November im Fernsehen ausstrahlen lassen. Ob das wirklich klappt, ist zumindest zweifelhaft.

Gerade gestern hat der Kabelsender "In Demand" angekündigt, den Film "Fahrenheit 9/11", der in den Kinos mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt hat, nun doch nicht in der Nacht vor den US-Wahlen ausstrahlen zu wollen. Obwohl das schon vertraglich festgelegt war. "Offenbar wurde Druck auf die Leitung des Senders ausgeübt", witterte der Filmemacher sofort eine Verschwörung. Zwar hat Moore inzwischen den Film der Sinclair Broadcast Group kostenlos zur Ausstrahlung angeboten. Doch ein Sendeplatz in "In Demand" ist lukrativer: Etwa 28 Millionen amerikanische Haushalte schauen zu. Deshalb will Moore die geplante Sendung jetzt gerichtlich durchdrücken.

Seite 1:

Michael Moores persönlicher Wahlkampf

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%