Kopierte Kunst
Der pure Spaß am Fälschen

Rache am elitären Kunstmarkt und Perfektionismus - das waren die Motive für den Kunstfälscher Wolfgang B. Im Kölner Fälscherprozess überrascht er mit einem umfangreichen Geständnis. Er ist stolz auf seine Werke.
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KölnWolfgang B. wollte es noch besser machen als die Meister der Avantgarde. Mit akribischem Perfektionismus fälschte der Sohn eines Kirchenmalers aus Höxter über Jahre angebliche Gemälde von Max Ernst, Max Pechstein oder Heinrich Campendonk. „Ich schaffte mir in Gedanken ein Original, ein ungemaltes Bild des jeweiligen Künstlers“, sagt Wolfgang B. vor dem Kölner Landgericht. „Ich malte Gemälde, die im Werk eines Künstlers eigentlich nicht hätten fehlen dürfen.“ Ein Jahr nach seiner Festnahme legt er als erster von vier Angeklagten in dem spektakulären Kunstfälscher-Prozess um die angebliche Sammlung Jägers ein Geständnis ab. Das könnte sich lohnen: Das Gericht stellte den Angeklagten, die den Kunstmarkt narrten und Millionen kassierten, milde Strafen von höchstens sechs Jahren in Aussicht. Bedingung: Rückhaltlose Aufklärung. 

Wolfgang B. berichtet nicht ohne Stolz von seiner Fälscher-Karriere, die schon mit 14 Jahren begann. Das Talent zum Fälschen hatte er sozusagen geerbt. Er habe seinem Vater geholfen, Kopien von Rembrandt und anderen Meistern anzufertigen. Eines Tages habe sein Vater ihm eine Postkarte mit einem Bild von Picasso gegeben. Innerhalb weniger Stunden habe er es kopiert. „Es sollte mein einziger Picasso bleiben.“ Schon in den 70er Jahren professionalisierte der ehemalige Kunststudent, der nie einen Abschluss machte und ein ausschweifendes Hippie-Leben führte, seine Leidenschaft. Er kopierte belgische Künstler, malte aber auch eigene Werke. Später kaufte er auf Flohmärkten in Frankreich alte Keilrahmen sowie Leinwände und alte Farbpaletten. 

„Ich mochte den Kunstmarkt und die Galeristen nicht besonders“, sagt Wolfgang B. vor Gericht. Es habe ihm „richtig Spaß gemacht“, Bilder zu fälschen. „Man muss wissen, wie der Kunstmarkt funktioniert. Wo ist die Gier am größten?“, sagt er. 

„Ich habe alle Bilder allein gemalt“, betont er. Und das waren nach Erkenntnissen der Ermittler mindestens 50. Der Lebensstil wurde immer luxuriöser. Mit seiner Frau Helene kaufte er erst ein Anwesen in Südfrankreich, dann in Freiburg. Irgendwann eröffnete er ein Nummernkonto in Andorra, auf das die Millionen-Einnahmen aus dem Verkauf der Fälschungen flossen. 

Dass das angebliche Campendonk-Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ 2006 bei Lempertz in Köln für sogar 2,9 Millionen Euro versteigert wurde, kann Wolfgang B. Jahre später kaum fassen. Seine Fälschungen seien manchmal sogar „zu gut gewesen“. Er habe sich in die Künstler und ihre Zeit hineinversetzt und es „nach Möglichkeit noch ein bisschen besser machen“ wollen als Ernst und Pechstein selbst. 

Keinen der Experten habe er bestochen, um Echtheitsexpertisen zu bekommen, betont Wolfgang B. - er habe auch keinen persönlichen Kontakt zu ihnen gehabt. „Geld allein hat mich nicht wirklich interessiert.“ Er habe eine Abneigung gegen den Kunstmarkt verspürt. 

Dass die offensichtlichen Widersprüche in der Legende, die das Quartett um die angebliche Herkunft der Werke gesponnen hatte, keinem der renommierten Experten auffielen, wundert sogar Richter Wilhelm Kremer. Angeblich hatte Werner Jägers, der Großvater von Helene B., die Gemälde bei dem berühmten Sammler Alfred Flechtheim in den 20er Jahren gekauft. „Also mit 16 oder 17 hätte Jägers rheinische Expressionisten gesammelt“, sagt Kremer und schüttelt den Kopf. Wolfgang B. gesteht: „Ich weiß, der war zu jung.“ Und er sinniert: „Ich glaube, dass die große Zeit der Fälschungen vorbei ist.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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