Kran sorgt für Chaos
Tokio ohne Strom

In der morgendlichen Rush-Hour hat ein Stromausfall Tokio ins Chaos gestürzt: Aufzüge blieben stecken, Klimaanlagen fielen aus, Züge kamen zum Stehen. Glück im Unglück hatte die Tokioter Börse.

TOKIO. Es ist kurz nach halb acht am Montagmorgen, als die Besatzung des 380-Tonnen-Schiffs der Baufirma Mikuniya sich zum Ausbaggern auf dem Alten Edo-Fluß am Ostrand der Hauptstadt Tokio bereit macht. Sie fährt den Arm des Krans aus - und kommt damit in ein Haupt-Stromversorgungskabel mit 275 000 Volt, das über den Fluß läuft. Blitze und ein lautes Krachen folgten, erzählen Bewohner eines nahe gelegenen Wohnhauses später – und plötzlich haben große Teile der größten Metropolregion der Welt keinen Strom mehr.

Der zweitgrößte Stromausfall Tokios seit den 50er Jahren schneidet nach Angaben des Stromversorgers Tepco fast 1,4 Millionen Haushalte und Büros für mehr als zwei Stunden vom Strom ab. Mehr als 400 Verkehrsampeln versagen in Teilen Tokios sowie den angrenzenden Städten Chiba und Kawasaki den Dienst, zig Menschen bleiben in Aufzügen stecken, U-Bahnen und Eisenbahnen bleiben stehen. Das Büro des Ministerpräsidenten und die Tokioter Feuerwehr richten Arbeitsgruppen ein. Tokio im Chaos.

„Ein Terroranschlag?“ – befürchteten zunächst sogar einige. Schließlich sind die Morgenstunden, wenn die Pendler in Massen in die Tokioter Innenstadt strömen, die Zeit, in der die japanische Hauptstadt sich am empfindlichsten zeigt. Auch die Sarin-Giftgasanschläge der Aum-Sekte 1995 fanden morgens statt. Doch gegen 10 Uhr morgens ist der Kran als Grund des Stromausfalls klar, der Strom wieder da – und die Erleichterung groß. Berichte von Verletzten lagen zunächst nicht vor.

Letztlich blieben die Auswirkungen des Stromausfalls auch deshalb begrenzt, weil in dieser Woche viele Firmen wegen der Obon-Feiertage, an denen die Japaner zum Grab ihrer Vorfahren fahren, komplett geschlossen haben. Deshalb waren die Pendlerströme in der Tokio-Region deutlich geringer als an einem nor-malen Montagmorgen. Die meisten Bahnlinien fuhren nach spätestens einer Stunde wieder. Zudem blieben zentrale Geschäftsviertel in Tokio wie das Bankenviertel Otemachi und das Börsenviertel Nihonbashi größtenteils vom Stromausfall verschont.

Die Tokioter Börse, die noch vor einem halben Jahr wegen Überlastung ihres Computersystems für Chaos gesorgt hatte, schaltete dennoch auf ihr internes Notstrom-System um und zog ihren Handel ohne Zeitverzögerung durch. Die erleichterten Börsianer zeigten sich bei schwachem Handel kauffreudig. Der breit gestreute Topix-Index legte um knapp 1,5 Prozent auf 1601 Punkte zu.

Beim Anbieter des Leitindex Nik-kei 225, der Wirtschaftszeitung Nihon Keizai, hingegen sorgte der Stromausfall für verspätete Computerprobleme. Ab dem frühen Nachmittag konnte der Anbieter den Aktiendurchschnitt nicht mehr berechnen. So blieb der Nikkei-Index offiziell bis Börsenschluß beim Stand von 15 790 Punkten, den er 13.25 Uhr erreicht hatte, stehen und wurde erst nach Börsenschluß im Nachhinein berechnet: ein Plus von fast 1,9 Prozent auf 15 857 Punkte.

Während große Wertpapierhäuser den Aktiendurchschnitt selbst berechnen und deshalb ohne großen Einfluß weiter handelten, waren Privatanleger verunsichert. Stromversorger Tepco überlegt nun, mögliche Schadensersatzan-sprüche durch den Stromausfall bei der Baufirma Mikuniya einzufordern. Der wiederum zeigte sich überrascht, das der Zusammenstoß mit einem einzelnen Kabel, das niemand der Besatzung gesehen habe, solche Folgen haben kann.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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