Krankheitsrisiken
Die Angst vor dem Killervirus

Vogelgrippe, Sars und BSE lösten weltweit Panikreaktionen aus. In Deutschland führte die Angst vor einer Infektion mit dem in Asien auftretenden Virus gar zu einer Massenimpfung. Doch die wahren Gesundheitsgefahren lauern anderswo: Bakterielle Infektionen, Impfmüdigkeit sowie das Erstarken einer neuen Krankheit machen den Experten zu schaffen.

BERLIN. Die Symptome sind allgemeine Schwäche, hohes Fieber, Atembeschwerden und Ödeme an Kopf, Hals und Beinen. Die Haut verfärbt sich blau, es kommt zu einem wässrigen, grünlichen Durchfall. Die Rede ist von der viralen Vogelgrippe, einer Form der Geflügelpest. Auch Menschen können daran erkranken, wenn sie engen Kontakt zu infiziertem Geflügel und dessen Ausscheidungen haben oder infiziertes Geflügelfleisch ungekocht oder ungebraten essen.

Doch das passiert äußerst selten. Seit 2003, als sich eine neue, besonders gefährliche Variante des Vogelgrippe-Virus, H5N1 genannt, von Südostasien auch nach Europa auszubreiten begann, erkrankten laut WHO 246 Menschen. 144 starben, die meisten davon in Asien – so wenige, obwohl Millionen Hühner und Hähnchen der Seuche zum Opfer fielen oder vorbeugend gekeult werden mussten. Zum Vergleich: Das Grippevirus rafft jährlich allein in Deutschland bis zu 20 000 Menschen dahin.

Trotzdem löste das neue Virus eine weltweite Panik aus. In Deutschland erreichte sie ihren Höhepunkt, als 2006 die ersten an H5N1 verendeten Wildvögel auf Rügen gefunden wurden. In den Kühlregalen der Supermärkte blieben fortan die Hähnchen in den Regalen liegen wie wenige Jahre zuvor das Rindfleisch, nachdem der Rinderwahnsinn BSE von Großbritannien aufs europäische Festland übergesprungen war. Im ansonsten eher impfmüden Deutschland waren alle bevorrateten 16 Millionen Impfstoffdosen für die „Grippe-Saison“ 2005/06 in wenigen Wochen verbraucht.

Das Grippemittel Tamiflu, bis dahin eher ein Ladenhüter des Pharmaunternehmens Roche, wurde zum Verkaufsschlager. Schon im Herbst 2005 – der Virus hatte Deutschland noch nicht erreicht – meldeten die Medien: Tamiflu ausverkauft. Das Unternehmen musste wenig später den Verkauf an Apotheken einstellen. Bis dahin hatte Roche seinen Umsatz mit dem Medikament schon verdreifacht.

Bei BSE war es die Angst, der Tiererreger könnte beim Menschen die tödliche Creutzfeld-Jakob-Krankheit auslösen, die Rindfleisch über Nacht unverkäuflich machte. Bei der Vogelgrippe geht es um die Furcht vor einer verheerenden Grippepandemie, sollte sich der Tiererreger in einen von Mensch zu Mensch übertragbaren Killervirus verwandeln. 30 Prozent der Weltbevölkerung würden erkranken. Es würde mehr Tote geben als bei der auch von einem mutierten Vogelvirus ausgelösten spanischen Grippe zu Anfang des Jahrhunderts. Sie raffte weltweit 25 Millionen Menschen dahin. Die Weltbank schätzt den wirtschaftlichen Schaden einer Grippepandemie mit dem gefährlichen Virus in einer weit enger als damals vernetzten Welt auf bis zu zwei Billionen Dollar.

„Die Angst vor der Pandemie war realistisch, und sie ist keineswegs gebannt, die Reaktionen vieler Bürger waren es weniger“, sagt Jörg Hacker. Der weltweit anerkannte Mikrobiologe ist seit dem Frühjahr Präsident des Robert-Koch-Instituts und damit so etwas wie der oberste Seuchenbekämpfer in Deutschland. Für angemessen hält der gebürtige Ostdeutsche, der bis vor kurzem das 1993 von ihm mitgegründete Institut für Molekulare Infektionsbiologie in Würzburg geleitet hat, deshalb auch „im Großen und Ganzen“ die Reaktionen der nationalen Regierungen auf den Ausbruch der Tierseuche. In allen Industrienationen und in vielen großen Unternehmen gibt es inzwischen Pandemiepläne für den Ernstfall einer Mutation des Vogelgrippe-Erregers zu einem hochinfektiösen Menschenvirus. Den Plan für die im deutschen föderalen System für Katastrophenschutz zuständigen Bundesländer hat übrigens das RKI geschrieben.

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