Kreativ-Projekte
Neue Sitten an der Berliner Rütli-Schule

„Verbrecher-Schule“ war die Rede, künftige Gangster oder Terroristen vermutete man an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, zeitweise standen gar Polizisten vor dem Eingang. Inzwischen hat der Wind gedreht.

HB BERLIN. Von 100 Tage nach dem Hilferuf der verzweifelten Lehrer im März wird die Hauptschule umsorgt und unterstützt von künstlerischen Projekten. Schüler studieren ein Musical ein, es gibt T-Shirts mit dem Aufdruck „Rütli“. Und die anfangs misstrauischen Jungen und Mädchen ziehen zum ersten Mal mit.

Im schwarzen ärmellosen T-Shirt steht der 15-jährige Freddie auf der Bühne und rappt: „Ich komme aus Neukölln und bin voll am Start. Ich lebe hier auf meine eigene Art.“ Eine Woche lang haben er und 61 weitere Schüler der 7. und 8. Klassen mit Künstlern der Initiative „School Tour“ gearbeitet und geprobt. Nun werden die Ergebnisse den Lehrern und Mitschülern präsentiert.

Nicht ganz einfach, plötzlich im Rampenlicht zu stehen und alle Blicke auszuhalten. Oder wie es die Mädchenband Cool Cats zu Beginn ihres Auftritts ins Publikum singt: „Wenn du das erste Mal auf einer Bühne bist, ist es so, als ob man auf einer Brücke steht.“ Nun hört ihnen endlich jemand zu, so der Eindruck der Schüler. Ihre Welt, ihre Probleme und Ängste drücken sie durch die Musik besser aus als in präzise formulierten Sätzen. „Wir sitzen hier allein in unserem Dreck. Und alle anderen gucken weg“, singt die Jungen-Gruppe Ghetto Jokers.

Die für eine Projekt-Woche gegründeten Bands schrieben die Texte für ihre Rap- und HipHop-Songs selbst. Festgehalten sind die Songs auf dem „Rütli-Sampler“. Eine Breakdance-Gruppe fand sich ebenso wie Nachwuchs-DJs. Andere Schüler planten und organisierten das Abschlusskonzert. Höhepunkte waren heftig beklatschte Auftritte der Musikgruppe Outlandish - junge Muslime aus Dänemark - und des deutsch-türkischen Sängers Muhabett aus Köln.

Schon im Mai hatte die Rütli-Schule mit einer Musical-Aufführung Schlagzeilen gemacht - positive. Mit der Musical-Group Young Americans stellte sie ihr eigene Show vor: „Rütli tanzt - wir können auch anders.“ Inzwischen sind die noch vor einem Vierteljahr in Verruf geratenen Schüler dabei, ihre eigene T-Shirt-Kollektion zu produzieren. Angeleitet von Studenten entwerfen sie ein Schullogo, suchen Botschaften und Slogans, lernen das Bedrucken von Stoff und wollen in den Verkauf einsteigen.

In Berlin erregten die „Rütli“-T-Shirts anfangs noch die Öffentlichkeit. Aber wenn man den Fahrgästen in der U-Bahn erkläre, worum es gehe, seien die meisten schnell überzeugt, sagt Schulleiter Helmut Hochschild, der nach dem Hilferuf der Lehrer im Frühjahr sein Amt antrat. Begeisterung und Kreativität müssten nun weitergeführt werden, die Verantwortung dafür liege bei ihm und den Kollegen.

Vorsichtige Kritik an der Fürsorge für die Rütli-Schule äußern Sozialarbeiter aus der Nachbarschaft. Eine Musik-Projektwoche mit Konzertanlage, Kameras, Beleuchtung und Schnittsystem koste mehr als 23 000 Euro, ein Drittel des Jahresetats seines Jugendzentrums, sagt Yann Döhner. Er ist nur einige Jahre älter als die Problem-Schüler. Langfristige Hilfen seien nötiger als Alibi-Maßnahmen für die Medien.

Der Leiter des „School Tours“-Projekt, Jürgen Stark, kennt das Problem. Er will aber Anstöße geben und überforderten Schulen zeigen, dass die Kinder nicht verloren sind. „Letzten Endes kriegt man sie mit Musik und Kreativität alle.“ Nach der einen Woche dürfe natürlich nicht Schluss sein. „Unser Ziel ist, dass der Funke überspringt und das Feuer anbleibt.“ Gezündet hat der Funke am Ende der Woche. Auf der Bühne überlegt ein junger Nachwuchs-Rapper auf die Frage der Moderatorin nach seinem Gefühl nur kurz und sagt ein Wort: „Stark.“

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