Kriminalität
Amokläufer von Emsdetten drehte Abschiedsvideo

Bei einem blutigen Racheakt hat ein Ex-Schüler im münsterländischen Emsdetten am Montag seine frühere Schule überfallen und neun Menschen angeschossen. Nach dem Eintreffen der Polizei zündete der maskierte 18-Jährige Rauchbomben.

dpa EMSDETTEN. Drei Tage nach dem Amoklauf an einer Schule im münsterländischen Emsdetten sind weitere Einzelheiten zu den Motiven des 18-jährigen Täters bekannt geworden. Der Ex- Schüler hinterließ mit einem Abschiedsvideo bewusst Spuren, um sich nach seinem Selbstmord öffentlich zu rechtfertigen.

In dem im Internet verbreiteten Videofilm, der im Wohnzimmer seines Elternhauses in Emsdetten gedreht wurde, nennt er die Gründe für den Hass auf seine frühere Schule. Der Amokläufer hatte am Montag in der Schule wahllos um sich geschossen und 37 Menschen verletzt.

In dem Videofilm sagt der 18-Jährige in englischer Sprache, „seit der 1. Klasse war ich ein Verlierer“. Er sei getreten und bespuckt worden. Von sich selbst sagt er: „Ich war kein Mensch, ich war göttlich.“ Und weiter: „Ich habe das Massaker geplant und wollte alle töten.“ Das Video endet mit dem Satz: „Das ist Krieg.“

Die Äußerung des 18-Jährigen, „ich war göttlich“, bezeichnete der Ratsvorsitzend er der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, als „erschreckend“. „Das ist eine Dimension, die uns alle sehr nachdenklich machen muss“, sagte er dem Fernsehsender N24.

Unterdessen setzte die Staatsanwaltschaft Münster ihre Ermittlungen im Umfeld des Amokläufers fort. „Insgesamt 135 Zeugen sind bislang befragt worden“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Hinweise, dass auch andere von den Plänen des 18-Jährigen gewusst hätten, gebe es nicht. Derzeit seien allein 15 Beamte damit beschäftigt, das Internet auf weitere Hinweise zu durchsuchen. Zum Internet-Waffenkauf des Amokläufers sagte Schweer, die beiden Vorladerwaffen habe er „zeitnah“ vor seiner Tat bei einem Internet- Auktionshaus in gekauft. Die Herkunft der dritten Waffe sei noch nicht geklärt.

Knapp drei Wochen vor seiner Tat hatte der Amokläufer wahrscheinlich eine weitere Spur zu möglichen Attentatsplänen in einem Internetforum hinterlassen. Nach einem Bericht der „Neuen Presse“ (Hannover/Donnerstag) schrieb er dort zu der Frage, was er jetzt am liebsten tun würde: „Mir SP (Sprengstoff) besorgen, meine 45 und 12er Vorderlader laden, und Leute umlegen.“ Der Betreiber des Forums bestätigte der dpa, dass es diesen Eintrag unter dem Pseudonym „Resistantx“, das dem Amokläufer zugeordnet wird, gegeben habe. Die Äußerung sei aber als Fiktion gewertet worden.

In diesem Zusammenhang sprach Oberstaatsanwalt Schweer von einer „Unmenge“ an Video- und Internetmaterialien, die nach und nach an die Öffentlichkeit kämen. Alle müssten jedoch zunächst genau auf ihre Echtheit und einen tatsächlichen Zusammenhang mit dem Amokläufer und der Tat geprüft werden.

Auf landes- und bundespolitischer Ebene wurde am Donnerstag erneut über Konsequenzen aus dem Amoklauf diskutiert. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies die Forderung des bayerischen Innenministers Günther Beckstein (CSU) nach stärkerer polizeilicher Überwachung des Internets zurück. Dies wäre ein „Schuss in den Ofen“. „Dafür braucht die Polizei ausreichend interneterfahrene Experten mit tief greifenden waffentechnischen Kenntnissen“, sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg am Donnerstag in Berlin. Beckstein solle erklären, woher er die Experten nehmen wolle. Schon jetzt seien die Dienststellen für Internet-Ermittlungen in Sachen Terrorismus und Kinderpornografie personell unterbesetzt.

Der Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), sprach sich für eine Überprüfung der Waffengesetze aus. Wenn das Waffenrecht immer mehr unterlaufen werde, „müssen wir das rechtliche Instrumentarium überprüfen“, sagte Bosbach der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag). Auch die FDP-Vizefraktionschefin und frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte, den Verfolgungsdruck zu erhöhen, wenn es um den Handel mit gefährlichen Waffen geht. CSU-Innenexperte Stephan Mayer sprach sich für schärfere Kontrollen des Internets aus. „Es muss analysiert werden, wo es Schwachpunkte bei der Überwachung von Waffen- Versteigerungen im Internet gibt“, sagte der Bundestagsabgeordnete.

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