„Kyrill“ und die Folgen
Närrisch für die Zukunft

Auch wenn uns die Zukunft noch so sehr zum Narren hält – wir können nicht von ihr lassen. Statt also in hahnescher Zuversicht bloß nicht über Wege zu waten, die zugleich brüchig und sumpfig sind, statt heiter in fatalistischer Demut abzuwarten, beschäftigen wir uns geradezu obsessiv mit dem, was eventuell kommt.

DÜSSELDORF. Es schickt sich nicht, über „Kyrill“ Witze zu machen, jedenfalls nicht über die Folgen des Sturmtiefs für Leib und Leben. Dutzende von Menschen sind zu Tode gekommen, Hunderte haben Schaden genommen, Milliarden Euros wurden vom Winde verweht. Außerdem sind seit „Kyrill“ – digitalmedienzeitlich gesehen – Äonen vergangen. „Kyrill“ ist Sturmgebraus von gestern, ein alternder Furz im Wind des Zeitgeistes.

Wir sind seither längst bei Stoibers Landrätin und bei Steinmeiers Rauschebart angekommen – Themen, die zwischenzeitlich als neue Säue durchs deutsche Dorf getrieben wurden, unter dem Häupterwiegen von Beobachtern, die es entweder schon immer wussten (Politologen) oder das Schlimmste erst noch erwarten (Ökonomen), während der Rest einen ratlosen Bericht nach dem anderen erstattet (Analysten, Journalisten).

Bevor sich nun „Kyrill“ endgültig in die Archive der Meteorologiegeschichte verflüchtigt, soll er uns Skeptikern noch rasch eine Lehre sein: Wir können uns, ähnlich wie auf Statistiken, nach wie vor nicht immer auf Prognosen, Hochrechnungen, Prophezeiungen und Szenarien verlassen – je windiger die Wahrscheinlichkeit, desto angeberischer die Nomenklatur –, selbst wenn wir sie eigenhändig gefälscht haben.

„Incertum quo fata ferunt“, sagt der Lateiner. „Ungewiss ist, wohin das Schicksal führt.“ Und dass er Recht hat, der Lateiner, wissen wir, seit Wirtschaftsprofessoren bzw. Sachverständigenräte Wachstumsraten auswürfeln und Wetterforscher weissagen, wohin die Winde dann doch nicht gehen. Die ernüchterndste Auskunft ist rund 2 000 Jahre alt und stammt vom unheimlichen Schutzpatron der Meteorologie, dem Evangelisten Johannes: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Joh 3,8) Johannes hätte, statt des Windes, auch Märkte und Konjunkturen bewerten können. In diesem Zusammenhang ist die Nachricht erheiternd, dass beide Professionen – Ökonomen und Meteorologen – zu einem neuen Berufsbild verschmolzen werden, dem Wetterökonomen.

Er soll gleichzeitig das Wetter vorhersagen und über den zu erwartenden Mehrbedarf an Sonnenbrillen und Windkraftanlagen Rückschlüsse auf Wachstum, Wohlfahrt und Kollektivglück schließen. Da vermählt sich der Augur mit der Pythia und zeugt ein Morakel – eine Mischung aus Mi- und Orakel, die Sinn macht bzw. Prof. Sinn (Ifo München).

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