Lange Schlangen an den Lottostellen
Hoffen auf den „Dicken“

Die Weihnachtslotterie zieht fast alle Spanier fest in ihren Bann.

MADRID. Spanier mögen manchmal ziemlich undiszipliniert sein, aber nicht, wenn sie sich in Warteschlangen einreihen. An Bushaltestellen kann man es beobachten, wie geduldig angestanden wird, und jetzt, in der Weihnachtszeit, auch an mancher Verkaufsstelle der im ganzen Land beliebten staatlichen Weihnachtslotterie „El Gordo“, genannt „Der Dicke“.

Die spanische Weihnachtslotterie ist eine der ältesten und größten der Welt. Drei Viertel der 40 Millionen Einwohner des Landes hoffen auf den „Dicken“. Im Durchschnitt, so hat die spanische Verbraucherschutzvereinigung FUCI herausgefunden, lässt sich jeder Spanier sein weihnachtliches Lottofieber 120 Euro kosten – aufgeteilt auf „El Gordo“ und „El Niño“, das „Kind“ am Dreikönigstag.

Und die Aufregung steigt immer stärker an. Denn wie alle Jahre wieder ist am Morgen des 22. Dezember Bescherung angesagt. Montag also, zum Leidwesen der Unternehmen. Denn wer auch immer sich von seinem Arbeitsplatz davonstehlen kann, der sitzt oder steht ab halb neun vor einem Fernseher, zu Hause oder in der Kneipe, den Lotterieschein in der Hand, während Kinder aus Madrid drei Stunden lang aus einem sich drehenden Kessel die Glückskugeln ziehen und nach alter Tradition singend die Nummern verlesen.

Im vergangenen Jahr hat die Weihnachtslotterie einen Geldregen von 1,7 Milliarden Euro über das ganze Land niedergehen lassen. Wo auch immer gewonnen wird: Sofort füllen sich Bars, Restaurants, ganze Straßen. Der Sekt fließt in Strömen, es wird gejubelt und getanzt, um das große oder auch das kleinere Glück zu feiern. Weil sich meist mehrere Spieler ein Los teilen, gibt es viele Preisträger. Der kleinste Einsatz, der einem Zehntellos entspricht, liegt bei 20 Euro. 70 Prozent der Einsätze gehen an die Spieler als Preis zurück – steuerfrei.

Das Thema beschäftigt bald alle Spanier – das weihnachtliche Glückslos gehört zu Spanien wie der Weihnachtsbaum zu Deutschland. Die Lose werden verschenkt, Unternehmen verteilen sie an ihre Angestellten, Wirte an ihre Stammgäste. Freundes- oder Kollegenkreise bilden Losgemeinschaften.

Mystik und Magie bestimmen die Ziffernwahl, im Internet kann man nachforschen, wie oft und wann welche Nummern gewonnen haben und daraus vielleicht auf den eigenen Glücksweg schließen. Mancher Spanier wird gar zum Pilger: Eine Hochburg der Weihnachtslotterie ist das katalanische Gebirgsdorf Sort. Die „Bruixa d’Or“, die „Goldene Hexe“, wie die Verkaufsstelle in Sort heißt, rühmt sich, „weltweit die größte Menge Glück auf einem Quadratmeter“ zu konzentrieren.

Dort also dürften die längsten Schlangen stehen, denn tatsächlich hat die „Goldene Hexe“ aus dem Glücksdorf Sort in den vergangenen Jahren mehrmals Preise verteilen können. Das gibt Hoffnung. Wer nicht reisen will, dem hilft die Technik: Per Internet ist der Loskauf problemlos möglich.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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