Letzter deutscher Universalgelehrter
Carl Friedrich von Weizsäcker ist tot

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker ist tot. Der mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäufte Kieler Diplomatensohn galt als der wohl letzte deutsche Universalgelehrte. In den Zeiten der Ost-West-Konfrontation wurde die Kriegsverhütung zu seinem zentralen Engagement.

dpa STARNBERG. Weizsäcker starb am Samstag im Alter von 94 Jahren in seinem Haus bei Starnberg (Bayern), wie seine Tochter Dorothea Brenner der dpa sagte. Kein anderer Wissenschaftler hat sich als Zeit-Diagnostiker, Mahner und Vordenker der „Weltinnenpolitik“ durch Jahrzehnte im öffentlichen Leben der Bundesrepublik vergleichbare Autorität erworben. Vor dem Hintergrund der Entdeckung der Uranspaltung und der damit verbundenen Möglichkeit, Atombomben zu bauen, lautete sein Leitmotiv: Die Wissenschaft trägt Verantwortung für die eigenen Ergebnisse - auch wenn deren Folgen nicht gewollt und nicht einmal absehbar sind.

Die erste politische Aktion des Physikers war 1957 die Initiative zur Erklärung der „Göttinger Achtzehn“, mit der diese zur weltweiten Einstellung von Produktion und Einsatz der Atomwaffen aufriefen. Die zweite Aktion, das „Tübinger Memorandum“, wandte sich 1962 gegen Pläne des damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), die Bundeswehr mit atomaren Waffensystemen auszurüsten.

Eine von der SPD und der FDP angetragene Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten lehnte der ältere Bruder des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) mit der Begründung ab, er wolle kein „Ersatzkandidat“ gegen Karl Carstens (CDU) sein. Richard von Weizsäcker hatte das Amt von 1984 bis 1994 inne.

1992 legte Carl Friedrich von Weizsäcker unter dem Titel „Zeit und Wissen“ sein zweibändiges Alterswerk vor, das ein bewegtes Jahrhundert des allgemeinen Umbruchs auf vielen Ebenen widerspiegelt, wie es der Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hans- Peter Dürr, formulierte.

Weizsäcker wurde am 28. Juni 1912 in Kiel geboren. In der Physik hatte der brillante junge Schüler des späteren Nobelpreisträgers Werner Heisenberg seine wissenschaftlichen Lorbeeren errungen. Von 1970 bis zu seiner Pensionierung 1980 leitete er zusammen mit Jürgen Habermas das in Starnberg angesiedelte Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Geforscht wurde interdisziplinär zu Problemen der Verteidigungspolitik, Weltwirtschaft, Soziologie und Umwelt. Mangels eines angemessenen Nachfolger schloss die Max-Planck-Gesellschaft das „Institut für unbequeme Fragestellungen“, wie es von Weizsäcker einmal formuliert hat.

Im Februar 2002 hatte von Weizsäcker, der sich im Alter zunehmend den (religiösen) Grundlagen einer globalen Ethik widmete, sein Leitmotiv der Verantwortung der Wissenschaft wieder eingeholt. Die Veröffentlichung der „Bohr-Papiere“ über das legendäre Treffen zwischen dem dänischen Physiker Niels Bohr und seinem Schüler Werner Heisenberg 1941 im besetzen Kopenhagen gab erneuten Anlass, über die Verstrickung der deutschen Physiker-Elite unter dem Hitler-Regime zu spekulieren. Zuletzt sorgte der Berliner Historiker Rainer Karlsch mit seinem Buch „Hitlers Bombe“ wieder für Diskussionsstoff.

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