Literatur
Wenn die Gier das Gehirn beherrscht

Blutgier, Geldgier, Habgier, Raffgier: Was treibt Menschen an, die den Hals nicht voll bekommen, gegen Regeln verstoßen oder korrupt sind? Mehrere Autoren betreiben in diesem Herbst Ursachenforschung. Weil sie unterschiedliche Ansätze wählen, ergibt sich am Ende ein interessantes Psychogramm: Es ist das Bild eines Menschentyps, den niemand mag.

DORTMUND. Autoren wie der amerikanische Journalist Jason Zweig halten der Gesellschaft unverblümt den Spiegel vor. Sein Buch heißt „Gier“. Es beschreibt eine intellektuelle Bankrotterklärung. Wer bisher glaubte, er könne sich in Fragen der Geldanlage auf sein Gehirn verlassen, kommt ins Grübeln. Zweig bemüht Erkenntnisse der Neuroökonomie, einer jungen Wissenschaft, geboren aus Neurologie, Ökonomie und Psychologie. Er selbst habe sein Hirn immer wieder von Neuroökonomen untersuchen lassen, mit erschütternden Ergebnissen: „Der wissenschaftliche Konsens über meinen Schädel ist denkbar schlicht: Es herrscht Chaos darin.“

Auf launige Weise betreibt Zweig exzellenten Wissenschaftsjournalismus. Sein Buch lässt ernsthafte Zweifel am Grundmuster des rational handelnden Menschen aufkommen. Unter Berufung auf die Neuroökonomie kommt er zu einer Reihe „grundlegender Lektionen“. So seien die neuronalen Aktivitäten eines Anlegers, der mit seinen Investitionen Geld verdient, nicht zu unterscheiden von denjenigen einer Person im Kokain- oder Morphiumrausch. „Nach zwei Wiederholungen eines Reizes – etwa dem Ansteigen eines Aktienkurses um einen Cent zweimal in Folge – erwartet das menschliche Gehirn automatisch, unbewusst und unkontrollierbar eine dritte Wiederholung.“ Der Verlust oder Gewinn von Geld sei nicht nur ein finanzielles oder psychisches Ereignis, sondern eine biologische Änderung, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn und den Körper habe.

Dieser Ansatz mag erklären, warum Börsianer unbewusst bestimmte Entscheidungen treffen. Aber was ist mit denen, die wissentlich über die Stränge schlagen. Die sich nicht an Regeln halten, frei von jeglicher Moral? Für diese Klientel gibt es einen Wertmaßstab: Ethik. Ein großes, häufig missbrauchtes Wort. Es wird im deutschen Kulturraum oft mit Gutmenschentum gleichgesetzt. Ethik ist weich, nicht kalkulierbar, wischiwaschi. Ethik spielt in Deutschland in der Liga der Moralapostel. Ein Fall für jene, die Wasser predigen und bei denen man nicht weiß, ob sie heimlich Wein trinken.

Hans Leyendecker gehört zu denen, die Ethik ernst nehmen und sie greifbar machen. Er ist der profilierteste Deutsche unter den investigativen Journalisten. „Die große Gier“ heißt sein neues Buch. Ethik, schreibt er darin, sei eine notwendige Voraussetzung für Profit: „Mit unsauberen Geschäften wird (auf lange Sicht jedenfalls) kein Geld gewonnen, sondern viel Geld verloren.“

Sein Buch ist ein Sammelband großer Korruptionsskandale der jüngeren Vergangenheit. Siemens, Infineon, VW – die Fälle sind bekannt, aber viele Details neu und in Handarbeit recherchiert. Es sind Fälle, mit denen sich nun die Gerichte befassen, so wie in Braunschweig, wo sich der frühere VW-Betriebsratschef Klaus Volkert und der einstige Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer seit gestern verantworten müssen. Bordellbesuche, Sonderzahlungen, Lust- und Luxusreisen. Brüder zur Sonne, zur Sause. Ein Protokoll deutscher Mitbestimmungsirritationen. Leyendecker fügt die Einzelteile zu einer beeindruckenden Gesamtkomposition zusammen – ein gedrucktes Kunstwerk zum Phänomen der menschlichen Gier.

Aber er leistet noch mehr. Wer gegen Missstände kämpfen will, muss diese erst einmal kennen. Journalisten sind in einer Demokratie geeignet, diese Rolle zu übernehmen. Aber sie brauchen Informanten. Häufig sind es Mitarbeiter in Unternehmen, die Unregelmäßigkeiten öffentlich machen und damit auf dem schmalen Grat wandeln zwischen Verrat und Verantwortung, zwischen Verachtung und Verehrung. „Whistleblower“ nennt man diese Personengruppe. Menschen, für die Leyendecker mehr gesetzliche Absicherung fordert. „In Deutschland ist der arbeits- und dienstrechtliche Schutz für Whistleblower, die aufgefallen sind, völlig unzureichend“, schreibt er. Und damit wird die wichtigste Informationsquelle für Korruption, für Fehlverhalten von vornherein geschwächt. Ein starkes, überzeugendes Plädoyer.

Den kompletten Gegenentwurf zur Gier-Fraktion präsentiert der Londoner Lifestyle-Journalist Neil Boorman. In einer spektakulären Aktion verbrannte er seine Habitat-Stühle, Calvin-Klein-Unterwäsche und Adidas-Schuhe. Werte von mehr als 30 000 Euro stiegen an einem Sommertag 2006 als Rauch in den Himmel. Die Feuerwehr am Finsbury Square im Londoner Osten bewachte das Spektakel. Boormans Buch „Good bye, Logo“, dokumentiert die Zeit vor und nach diesem Ereignis. Er beschreibt, wie er selbst neue Standards entwickeln muss, um Menschen zu beurteilen – jenseits von Markennamen. Es ist ein Aussteigerbuch. Boorman schreibt, als sei er auf Entzug. „Ich vermisse die Aufregung beim Einkaufen, den Glamour der Mode, den Luxus, Dinge mein Eigen zu nennen, die mir das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.“ Boorman praktiziert die Anti-Gier. Er hat sich ein Jahr als Limit für seine Marken-Abstinenz gesetzt, um durchzuhalten. Mit Erfolg. „Ich bezweifle, dass ich je wieder unbefangen eine der ganz großen Marken anziehen oder in meiner nächsten Umgebung haben kann.“

  • Jason Zweig: Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht

    ; Hanser Verlag, München 2007, 354 Seiten, 19,90 Euro.
  • Hans Leyendecker: Die große Gier. Korruption, Kartelle, Lustreisen: Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht

    ; Rowohlt Verlag, Berlin 2007, 301 Seiten, 19,90 Euro
  • Neil Boorman: Good bye, Logo. Wie ich lernte, ohne Marken zu leben

    ; Econ-Verlag, Berlin 2007, 256 Seiten, 16,90 Euro
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