Loveparade-Katastrophe

Strafprozess beginnt mit Antragsflut

Der Loveparade-Prozess könnte einer der umfangreichsten Strafprozesse der Nachkriegszeit werden. Dazu dürften auch die 70 Anwälte im Verfahren beitragen. Die Zeit drängt: In gut zweieinhalb Jahren verjähren die Vorwürfe.
Update: 08.12.2017 - 16:39 Uhr Kommentieren
Loveparade: Strafprozess beginnt mit Antragsflut Quelle: Reuters
Loveparade-Katastrophe

Der Prozess rund um die Vorfälle auf der Loveparade 2010 beginnt.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfUnter acht Menschen sei sie begraben gewesen. Wäre sie nur zwei Minuten später befreit worden – man hätte nichts mehr für sie tun können, sagten ihr die Ärzte später. Rebecca Doll wurde bei der Loveparade 2010 in Duisburg schwer verletzt. Am Freitag ist die 34-Jährige aus Hamburg gekommen, um beim Auftakt des Loveparade-Strafprozesses dabei zu sein. Sie ist eine der ersten, die sich am Freitagmorgen vor dem Kongressgebäude in Düsseldorf angestellt haben, um rechtzeitig hineinzukommen. „Wir wollen Gerechtigkeit für die 21 Toten“, sagt sie. Und den Angeklagten in die Augen sehen.

Das ist wegen der vielen Beteiligten gar nicht so einfach in dem 500 Personen fassenden Saal auf dem Messegelände, der an den Verhandlungstagen nun eine Außenstelle des Landgerichts Duisburg ist. Kein Saal im Duisburger Landgericht war groß genug, die vielen Anwälte und Nebenkläger aufzunehmen: Für die zehn Angeklagten setzen sich 32 Verteidiger ein, weitere 38 Anwälte vertreten die 65 Nebenkläger, von denen nicht alle gekommen sind.

Hinzu kommen drei Staatsanwälte und die 6. Große Strafkammer mit mehreren Ergänzungsrichtern und Ergänzungsschöffen, falls jemand ausfällt. Für Pressevertreter sind 85 Plätze reserviert, am ersten Tag ist weniger als die Hälfte besetzt. Das Gericht hat mit vielen Zuschauern gerechnet und 234 Plätze für sie reserviert. Rund 50 sind gekommen.

Ausführlich erzählt Doll von ihren Erlebnissen am Unglückstag, jenem 24. Juli 2010, an dem 21 Menschen erdrückt und viele hundert verletzt wurden in einem unfassbaren Gedränge am Fuß der Rampe, dem einzigen Zu- und Abgang zum Loveparade-Gelände.

Wie sie und ihr Mann, erfahrene Loveparade-Besucher, am Morgen aus Hamburg gekommen waren und sich auf die Party gefreut haben. Wie sie erst noch zum Hotel fuhren, bevor sie zum Partygelände gingen. Wie eng es schon an einem Kontrollpunkt zuging, noch vor dem Tunnel und sie eigentlich schon dort am liebsten wieder umgekehrt wären. Wie sie schließlich an der Rampe ankamen und ihr Mann sie im Geschiebe noch beschützt habe, bis sie schließlich ohnmächtig wurde. „Er hat mir damals das Leben gerettet.“ Als sie wieder aufwacht, liegt sie auf der Intensivstation mit Lungen- und Beckenquetschungen. Ein halbes Jahr lang habe sie neu atmen lernen müssen.
Ein Nebenkläger ist Manfred Reißaus, Malermeister aus Bad Salzuflen. Der 55-Jährige hat seine Tochter Svenja bei der Katastrophe verloren. 22 Jahre alt wurde sie. „Ich habe mich gefreut, dass endlich der Prozess losgeht. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich das heute überhaupt schaffe“, sagt Reißaus vor Prozessbeginn. Er sei sehr nervös.

„Uns rennt die Zeit davon“
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