Macher 2006
Ben Bernanke: Falke oder Taube

Ben Bernanke wird an seinem ersten Arbeitstag als neuer Notenbank-Chef der USA vermutlich einen gut aufgeräumten Schreibtisch vorfinden. Ist sein Vorgänger Alan Greenspan doch gerade dabei, reinen Tisch zu machen.

HB NEW YORK.Nach 13 Zinserhöhungen in Folge ist die Federal Reserve (Fed) pünktlich zum Stabwechsel auf die Zielgerade ihrer restriktiven Geldpolitik eingebogen. Einen weiteren Zinsschritt Ende Januar auf dann 4,5 Prozent haben die Finanzmärkte noch eingepreist. Danach ist das Feld offen und die Bahn frei für Bernanke. Der 52-jährige Ökonom wird nach der als sicher geltenden Bestätigung durch den Senat am 1. Februar seinen neuen Job antreten.

Dass Bernanke das Steuer der Fed ausgerechnet zu einem Zeitpunkt übernimmt, da die Unsicherheit an den Finanzmärkten über den künftigen Kurs der Notenbank besonders groß ist, erscheint wie eine Ironie des Schicksals. Hat sich der kommende Fed-Chef während seiner akademischen Karriere als Wirtschaftsprofessor an der Eliteuniversität Princeton doch stets für mehr Berechenbarkeit in der Geldpolitik ausgesprochen.

Statt auf Autopilot zu schalten, muss Bernanke das Ruder sofort in die Hand nehmen und die Wirtschaft durch den Dschungel widersprüchlicher Konjunkturdaten steuern. Der Immobilienmarkt befindet sich am Wendepunkt: Ein Einbruch könnte den privaten Konsum mit in die Tiefe reißen. Andererseits wächst die Wirtschaft so stark, dass die Fed vor Inflationsgefahren warnt. Und außerdem wirtschaftet Amerika weiterhin unter dem Damoklesschwert eines doppelten Defizits im Außenhandel und Haushalt. "Wir werden sehen, ob Bernanke ein Gespür für die wirtschaftliche Großwetterlage entwickeln kann", sagt der Ökonom Paul Krugman.

Bernanke weiß, wie wichtig der erste Eindruck für einen Notenbanker ist: "Wenn man einen Falken zum Notenbanker beruft, erhöht man damit zugleich die Glaubwürdigkeit bei der Inflationsbekämpfung", sagte er in einer Rede vor seiner Berufung. Es spricht deshalb viel dafür, dass der neue Fed-Chef bei seiner ersten Sitzung im März mit einer Zinserhöhung startet.

Gespannt warten die Finanzmärkte jedoch darauf, wie Bernanke den geldpolitischen Kurs der Fed künftig kommunizieren wird. Bei der Ernennung durch US-Präsident George W. Bush hatte der Ökonom sowohl Kontinuität als auch Wandel versprochen. Viele Beobachter rechnen deshalb damit, dass Bernanke die Notenbank vorsichtig, aber zielsicher auf ein Inflationsziel zusteuern wird. Gilt er doch als einer der vehementesten und klügsten Verfechter einer numerischen Marke für die Preisstabilität.

Bernanke stützt sich dabei auf seine Studien zur Weltwirtschaftskrise Ende der 20er-Jahre. Der in Augusta im US-Bundesstaat Georgia geborene Sohn eines Apothekers lauschte den düsteren Erzählungen seiner Großmutter aus der Zeit der großen Depression. Hier erkannte der Siebenjährige erstmals den Teufelskreis einer Abwärtsspirale sinkender Preise und Einkommen sowie rückgängiger Produktion.

Eine der wichtigsten Lehren seiner Forschung war, dass eine falsche Notenbankpolitik die Wirtschaftskrise eines Landes erheblich beschleunigen kann. Bernanke zog daraus die Konsequenz, dass nur ein entschlossenes Gegensteuern der Zentralbank mit Hilfe von Liquiditätsspritzen den Teufelskreis einer Deflation durchbrechen kann.

So erklärt sich sein Vorschlag, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen, als Anfang 2004 Deflationsängste grassierten. Ein offizielles Inflationsziel von zum Beispiel zwei Prozent würde nach Ansicht Bernankes nicht nur einen Preisschub stoppen. Es wäre zugleich ein Limit nach unten und würde so eine Deflation verhindern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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