Macher 2006
Hartmut Mehdorn: Das verflixte siebte Jahr

Kaum ein deutscher Spitzenmanager wird öffentlich derart wahrgenommen wie Hartmut Mehdorn. Und an wenigen Führungskräften der Wirtschaft scheiden und reiben sich die Geister so wie an dem seit sechs Jahren amtierenden Vorstandschef der Deutschen Bahn. Obwohl er nach beinharter Sanierungsarbeit die ehemalige Behördenbahn wieder flott gemacht hat, könnte 2006 sein verflixtes siebtes Jahr als Bahnchef werden.

HB BERLIN. Just zu einem Zeitpunkt, da der Bahnkonzern sich ein stattliches Betriebsergebnis von einer guten halben Milliarde Euro für 2005 ausrechnet, verfolgt die Politik in Berlin in wachsendem Argwohn die machtvolle Diversifizierungsstrategie des Bahnkonzerns.

Vielen Abgeordneten ist erst nach dem spektakulären, milliardenteuren Erwerb der US-Spedition Bax Global in diesem Herbst deutlich geworden, dass Mehdorn die Zukunft des Bahnkonzerns weniger auf der Schiene als vielmehr in der boomenden Logistikbranche sieht. Das Non-Rail-Geschäft, wie der Bahnchef das nennt, wird 2006 schon mehr als die Hälfte des Umsatzes ausmachen.

Mehdorns bereitwillig erklärtes Ziel: Er will weg aus der Einflusssphäre der ungeliebten Politik. Und kann es gut begründen: Der Konzern braucht Geschäfte, in denen er mehr Geld verdient als auf der Schiene. Doch schon formulieren gestandene Verkehrspolitiker die nicht ganz rationale Furcht, der bundeseigene Konzern würde eines Tages das mühsame Bahngeschäft einfach abstoßen.

Entsprechend skeptisch werden da auch die Bahnpläne gesehen, ins Hamburger Hafengeschäft einzusteigen und den Sitz des Konzerns von Berlin nach Hamburg zu verlegen. Zwar mag das klare Nein von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Umzug noch nicht das letzte Wort gewesen sein. Doch es signalisiert: Mehdorn hat nicht mehr die fast bedingungslose Rückdeckung aus dem Kanzleramt wie zu Gerhard Schröders Zeiten.

Zudem hat in der Politik ein Denkprozess darüber begonnen, was aus dem teuren Staatseigentum Bahn werden soll. Angesichts leerer Staatskassen ist dabei die Teilprivatisierung über private Investoren nicht mehr wirklich umstritten. Doch der Bund hat auch die Möglichkeit, die von Mehdorn mit viel persönlicher Begeisterung voran getriebene Internationalisierungsstrategie via Aufsichtsrat zu stoppen. Wird die Bahn ein frei in den Märkten agierender Weltkonzern à la Post? Oder bleibt sie doch ein von der Verkehrspolitik gelenktes Unternehmen mit staatlichen Versorgungsauftrag?

Klar dürfte sein: Alles was Mehdorn an seinen Zielen hindert, kann sein eher ungestümes Naturell zum Scheidungsgrund werden lassen - ganz gleich, welche Seite dann die Trennung formuliert. Einen Grund, die Brocken hinzuwerfen, hat er schon vor Jahren formuliert: Eine Abspaltung der Infrastruktur von den operativen Geschäftsbereichen,die Trennung von Netz und Betrieb, wird der Bahnchef nicht mitmachen.

Auch dieses Thema kommt 2006 auf die Berliner Tagesordnung. Sachgerechte Politik-Entscheidungen sind dann nicht sicher. Denn dazu hat der Bahnchef mit seiner spontanen, zuweilen polemischen Art zu viel verbrannte Erde hinterlassen. Und wo schon mal seine Entscheidungen wie Rachefeldzüge wirken, kann er nicht sicher sein, dass ihn die Politik bei den kommenden grundsätzlichen Weichenstellungen für die Bahn-Zukunft auch einmal ganz unsachlich ausbremst.

Im Konzern ist Mehdorn die unangefochtene Nummer 1 mit einer auch von Aufsichtsräten bisher kaum begrenzten Machtfülle.Vermisst wird allerdings in den Führungsetagen zuweilen eine klare Linie beim strategischen Fahrplan der Konzernentwicklung. Viele Mehdorn-Entscheidungen kommen intern eher als wenig abgestimmte Bauchentscheidungen an. Auch deshalb wünscht sich mancher im Berliner Bahn-Tower ein Alter Ego für den Chef - einen starken Widerpart im Vorstand, damit die Entscheidungen nicht immer nur einsam sind.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%