Macher 2006
Matthias Platzeck: Der wolkige Pragmatiker

Irgendwie muss man ihn mögen. "Den hätte meine Mutter gerne als Schwiegersohn akzeptiert", schwärmt SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zur vorgerückten Stunde. Er habe "nie an Zäunen gerüttelt", sagt Matthias Platzeck in ironischer Anspielung auf Ex-Kanzler Gerhard Schröder über sich selbst.

HB BERLIN. Das musste er auch nicht: Mit einem Traumergebnis von 99,4 Prozent hat der SPD-Parteitag den 51-Jährigen auf den Vorsitz gehoben. Seit einem Monat bewegt sich der Dreitagebartträger mit dem jungenhaften Charme nun auf dem bundespolitischen Parkett, und schon gilt er bei Umfragen als "wichtigster Politiker" der Republik.

Platzeck passt zu der geschundenen Sozialdemokratie wie ein Pflaster auf eine offene Wunde. Schon seine Antrittsrede auf dem Karlsruher Delegiertentreffen mit ihrem fein austarierten Wechsel von lauteren und sehr leisen Passagen, von Politischem und Persönlichem, von spärlichem Pathos und reichlich Pragmatismus strahlte einen lange vermissten Optimismus aus. "Deutschland ist ein schönes Land", rief der gebürtige Brandenburger seinen Zuhörern zu. Seither lässt er kein Interview verstreichen, in dem er nicht vom notwendigen "Miteinander" der Gesellschaft redet und von einer Gesellschaft, "in der die Menschen füreinander da sind". In Diskussionen schwärmt er vom skandinavischem Sozialstaatsmodell und lächelt selbst FDP-Generalsekretär Dirk Niebel freundlich an.

Doch wohin will Matthias Platzeck die SPD führen? Ein stärkeres Engagement des Staates für Familien und für Bildung nennt der Vater dreier Töchter als vordringliche Anliegen: "Wenn wir uns künftig mehr um Kinder kümmern und weniger um Bauvorschriften, fände ich das einen sinnvollen Tausch staatlicher Zuständigkeiten." Die weiteren Aussagen bleiben vage: Er stehe für eine Politik, "die wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftlichen Zusammenhalt vereint", sagt Platzeck, der sich in seiner Partei "weder links noch rechts" einordnen lassen will. Ausdrücklich wünscht er sich eine lebhafte und debattenfreudige SPD. "Wir sind mitten im Umbruch", gesteht der brandenburgische Ministerpräsident. Doch wohin? Darauf gibt er eher wolkige Antworten.

Platzecks inhaltliche Zurückhaltung entspringt nicht nur parteitaktischem Kalkül, das eine vorschnelle Festlegung des Vorsitzenden und eine Rückkehr zur "Basta"-Politik nicht ratsam erscheinen lässt. Sie entspricht offenbar auch seinem Naturell. Erst seit zehn Jahren gehört der Naturwissenschaftler der SPD an. Die ideologischen Grabenkämpfe der Achtundsechziger sind ihm fremd. Auf die Frage, was typisch ostdeutsch an ihm sei, antwortet Platzeck: "Die nüchterne Herangehensweise". An manchen Stellen wüssten die Parteien einfach nicht die Antworten auf alle Fragen, die ihnen eine Zeit voller Umwälzungen stellt: "Ich weigere mich, so zu tun, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen."

Zu Schröders Reformpolitik hat sich Platzeck aber auch in schwierigen Zeiten bekannt. Die große Koalition sieht er als Chance, der Bevölkerung wieder "ein Grundvertrauen in eine gute Perspektive" des Landes zu geben. Mit CDU-Kanzlerin Angela Merkel telefoniert er häufig. Man habe "eine gute Basis, die Dinge ohne lange Vorreden schnell zu klären", sagt Platzeck. Zu viel Nähe zwischen Union und SPD will er aber nicht wachsen lassen. Schließlich müssten beide Parteien ihre Eigenständigkeit behalten.

Das Profil der SPD will Platzeck selbst maßgeblich gestalten. Die mehrfach vertagte Debatte über das Grundsatzprogramm soll im neuen Jahr unter seiner Führung zum Abschluss gebracht werden. Noch glaubt Platzeck, den zeitaufwendigen Parteivorsitz mit dem Amt des Landeschefs vereinbaren zu können. Ein erstes Zugeständnis hat der bodenständige Potsdamer für seine neue Rolle aber schon gemacht: Das traditionelle Lauf- und Krafttraining am Mittwochvormittag ist für unbestimmte Zeit abgesagt.

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