Macher 2006
Michael Diekmann: Der Tabubrecher

Michael Diekmann überrascht. Bei seinem Antritt als neuer Allianz-Chef vor mehr als zwei Jahren vermissten einige Beobachter noch die Vision. War dieser ruhige, hoch gewachsene Ostwestfale wirklich der richtige Mann, um den zuletzt gebeutelten Versicherer zurück in die Erfolgsspur zu bringen?

HB DÜSSELDORF. Doch schnell verstummten die Kritiker. Effizient beseitigt der 50-Jährige die Schwachstellen im Gebälk des nach Prämieneinnahmen weltweit größten Universalversicherers. Diekmann saniert Regionalgesellschaften, bringt die Kapitalstärke auf ein angemessenes Niveau und führt den Konzern nach seinem ersten Verlustjahr in der Geschichte zurück in die Gewinnzone.

Gleichwohl machen viele Investoren weiter einen Bogen um die Allianz-Aktie. Nur schwer verbirgt Diekmann bei der diesjährigen Bilanzpressekonferenz im Frühjahr seine Enttäuschung über den Kursverlauf. Die komplexe Allianz gilt vielen Investoren zu diesem Zeitpunkt als unregierbar. Vielleicht bewegt dies Diekmann, den umfassendsten Umbau in der 113-jährigen Unternehmensgeschichte anzustoßen. Während die Finanzwelt noch über den Verkauf der Dresdner Bank spekuliert, bereitet Diekmann seinen Coup vor. Kaum jemanden weiht er ein. Anders geht es wohl nicht. Beobachter sagen, sonst hätte sich ein massiver Widerstand aufgebaut. Schließlich tastet der Allianz-Chef die fest zementierte Struktur der Schaden- und Unfallversicherung an, der jahrzehntealten Gelddruckmaschine des Unternehmens. Dabei überwirft er sich mit Rainer Hagemann, dem mächtigen Chef der Sparte. Hagemann war in den Augen vieler in der Allianz der Garant für Bewährtes. Reformer sprechen dagegen eher von einem Verhinderer. Diekmann setzt sich durch. Die notwendige Rückendeckung gibt ihm Aufsichtsratschef Henning Schulte-Noelle.

Diekmann hat einen großen Plan. Er will eine Europäische Aktiengesellschaft schaffen und die italienische RAS voll integrieren. Sein ehrgeizigstes Vorhaben ist die Bildung einer neuen Deutschland-Holding, welche die drei wichtigsten Sparten Lebens-, Schaden- und Krankenversicherung unter ihrem Dach vereint. So sollen die Kosten sinken und soll die Effektivität steigen. Schließlich verliert der Marktführer seit Jahren auf seinem Heimatmarkt in wichtigen Feldern Marktanteile. Der Zeitpunkt ist richtig.

Diekmann strukturiere den Konzern um, solange die Erträge sprudeln, bescheinigen ihm selbst unternehmensinterne Kritiker. "Sein Kardinalfehler ist, dass er die Mitarbeiter nicht mitnimmt", sagt ein Arbeitnehmervertreter. Zwar stellt sich Diekmann den Beschäftigten, doch er bleibt in einer zentralen Frage bis heute die Antwort schuldig. Wie viele Jobs fallen weg?

So verunsichert wie heute waren die Beschäftigten der Allianz noch nie, räumen Manager ein. Kaum ein Mitarbeiter glaubt den Konzernverantwortlichen, dass diese nach mehreren Monaten immer noch nicht wüssten, welche Auswirkungen der Konzernumbau auf die Stellen hat. Schließlich legte der Vorstand schon vor Wochen die Blaupause für den Umbau auf den Tisch. Gute Leute, die eine Chance auf dem angespannten Arbeitsmarkt haben, schauen sich längst um, berichten die Konkurrenten.

Gefragt wäre heute ein Kommunikator Diekmann, doch in dieser Rolle tut sich der Allianz-Chef schwer, der gerne mit dem Kanu durch einsame kanadische Wälder paddelt oder in seiner Freizeit an seinem Haus werkelt. Spürt Diekmann die Notwendigkeit nicht? Eigentlich müsste er ein Gespür für den Konzern haben, den er gut kennt. 1988 begann er nach seinem Göttinger Philosophie- und Jurastudium im Vertrieb in Hamburg. Danach ging es fast im Jahrestakt im Allianz-Aufzug nach oben. Die Jahre im Ausland hätten Diekmanns Managementstil mehr geprägt als die in Deutschland, sagen Kollegen, den Konsens liebe er nicht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%