Macher 2006
Peer Steinbrück: Lieblingstier Rhinozeros

Das Nashorn ist das Lieblingstier von Peer Steinbrück (SPD). Es kommt zwar eher langsam auf Touren. Wenn es sich aber in Bewegung gesetzt hat, dann ist es nur noch schwer zu stoppen, begründet der Bundesfinanzminister gerne seine Vorliebe für das Tier - nur um sogleich ironisch davor zu warnen, allzu viel hineinzuinterpretieren in dieses "persönliche Accessoire".

HB BERLIN. Das Rhinozeros illustriert Steinbrücks Haltung zum Politiktheater in Berlin. Mit kindlicher Neugier wartet der passionierte Schachspieler ab, ob sie nun anspringen, die Journalisten, auf das Urviech, das im Ministerbüro die kitschige Sparschweinsammlung seines Vorgängers Hans Eichel ersetzt hat. Um dann, wenn die erwartete Reaktion tatsächlich kommt, sich sogleich von der eigenen Inszenierung zu distanzieren. Diebische Freude blitzt in seinen Augen auf, wenn sich dann keiner mehr traut zu erwähnen, wie die Landschaft aussieht, nachdem das rasende Rhinozeros hindurchgetrampelt ist.

Die hintergründige Ironie des 58-jährigen, gebürtigen Hamburgers ist gewöhnungsbedürftig für viele seiner Parteifreunde, zumal sie sich gern mit Klartext paart. In seiner Antrittsrede im Bundestag tippte Steinbrück nur kurz das "Währungsrisiko" an, das entstehen könnte, wenn Deutschland auch 2007 den europäischen Stabilitätspakt nicht einhält. Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) sieht ihn seither offenbar als Gegner jeder Ausgaben für Wachstum. Er warnte vor Sparappellen, als sich Steinbrück über immer neue Ausgabenwünsche seiner Ministerkollegen beklagte, und so muss Steinbrück nach nur sechs Wochen im Amt bereits den Vergleich mit seinem unglücklichen Vorgänger fürchten: dem "Spar-Hans", den Kanzler Schröder rüde im Kabinett auflaufen ließ.

Dabei hatte Steinbrück zunächst einen guten Start - auch, weil seine Biografie ihn als Idealbesetzung für das schwierige Amt erscheinen lässt: Der Volkswirt startete 1974 eine Beamtenkarriere im Bundesbauministerium und wechselte später als Büroleiter zum damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau. In den 90er-Jahren war er Wirtschafts- und Finanzminister in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, wo er 2002 Ministerpräsident wurde.

Steinbrück selbst sieht sich jedoch durchaus nicht als der Sparminator der Regierung. "Deutschland kann sich nicht aus dem Defizit heraussparen", meint er. Geld auszugeben für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf - das findet er durchaus richtig, ebenso wie für die Förderung des Handwerks. Ohne höheres Wachstum, sagte er mehrfach, ließe sich der Haushalt nur sanieren, indem Leistungen des Staates, etwa für die Rente, gekürzt würden. Aber dass alle seine Ministerkollegen "der Frage ziemlich fern stehen, wie denn das finanziert werden darf", müsse er in seiner Rolle als Finanzminister kritisieren dürfen. Und in Steinbrückscher Ironie fügt er ein "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" an.

Das Jahr 2006 wird also nicht einfach für Steinbrück: Erleidet er weitere Niederlagen gegen ausgabenfreudige Kabinettskollegen, gilt sein Konsolidierungskurs als gescheitert. Setzt er seinen Sparkurs durch, ist er schon jetzt als Sündenbock prädestiniert, wenn der Aufschwung wieder ausfallen sollte. Vor allem SPD-Genossen wie Fraktionsvize Ludwig Stiegler sehen ihn als den abgewählten Ministerpräsidenten des einstigen SPD-Stammlands NRW. Dass Vertreter der Wirtschaft wie Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt Steinbrück als "sehr kompetenten, starken und durchsetzungsfähigen Mann" loben, macht es für ihn in den eigenen Reihen nicht leichter. Und weil auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) das weiß, muss sie sich vor zu viel Steinbrück-Lob hüten.

Im Jahr 2006 steht das Nashorn also einfach für das, was Steinbrück am dringendsten brauchen wird: eine dicke Haut.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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