Macher 2006
Rembrandt Harmensz van Rijn: Der geschäftstüchtige Macher

"Eine wunderbare Andacht mit Zuhörern allerlei Stände" sah Samuel van Hoogstraeten 1678 auf dem figurenreichen Gemälde "Die Predigt Johannes des Täufers" des Holländers Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-1669). "Dies wäre aufs höchste zu preisen". "Doch", schränkte der Verfechter der Anstandsregeln edler Malkunst ein, "sah man auch einen Hund, der auf unerbauliche Weise eine Hündin besprang."

HB DÜSSELDORF. Rembrandt nahm sich wirklich eine Menge heraus. Er malte den von Zeus in Gestalt eines Adlers geraubten Ganymed als pullernden Knaben, weinend vor Schrecken und heftig strampelnd. Die verheiratete, von König David begehrte Bathseba erfasste er gedankenverloren im unlösbaren tragischen Konflikt, zwischen dem Gehorsam zum König und der Treue zum Ehegatten entscheiden zu müssen. Seine malenden Zeitgenossen hätten es anders gemacht. Sie hätten die homoerotische Komponente des Ganymed-Mythos herausgearbeitet oder im Fall der Bathseba das Zeremoniell einer königlichen Brautwerbung in den Mittelpunkt gerückt.

Rembrandt zog in allem sein Ding durch. Er war vielseitig, experimentierfreudig und eigensinnig. Pigmente trug er so dick auf, dass man, so erzählen sich Zeitgenossen, ein Porträt an der Nase des Dargestellten vom Boden hätte aufheben können. Statt zu lasieren wie das Vorbild Tizian und andere Venezianer, führte er die hellsten Partien des Bildes in dickem, hohem Impasto aus, wobei er die Farbe auch mit dem Palettmesser oder sogar mit den Fingern anstatt mit dem Pinsel einarbeitete.

In seinen späteren Jahren fand er es völlig in Ordnung, wenn Außenstehende nicht genau beurteilen konnten, wie viel Zeit er für ein Bild aufgewendet hatte, ob es vollendet oder unvollendet war. Kein anderer als er selbst hatte hierüber eine Entscheidung zu treffen. So entzog sich Rembrandt den damals üblichen Bewertungsmaßstäben. Er war nicht bereit, Konzessionen zu machen. Damit ließ sich aber auch Geld verdienen. Seine Kunden wussten, dass man "ihn bitten und noch mehr Geld anbieten" musste. Etwa um ihn zum Abschluss der Auftragsarbeit zu überreden oder zu einer Überarbeitung. Rembrandt war stets in Geldnot. Er hatte sich durch den Kauf eines großen Hauses verschuldet und gab auf Auktionen große Summen für Kunst aus, sogar für den Rückkauf eigener Werke.

Rembrandt war jederzeit bereit, Versprechungen über Gemälde oder Radierungen zur Tilgung einer Schuld anzubieten. Svetlana Alpers, Autorin des 1989 erschienenen Standardwerks "Rembrandt als Unternehmer", beschreibt anschaulich, wie sich eine Art kleiner, aber lebhafter Markt bildete, auf dem Rembrandt-Schuldscheine zirkulierten. Wer konnte schon genau einschätzen, wann mit einer Zahlung oder malerischen Gegenleistung zu rechnen war? Der Maler zehrte von derselben Spekulationsbereitschaft, wie sie im Tulpenhandel oder an der Amsterdamer Börse zum Einsatz kam.

Rembrandt war ein leidenschaftlicher Sammler, ebenso wie seine Landsleute. Dem Künstler aber ging es um mehr. Wenn er einen exorbitant hohen Preis für einen Abzug seiner eigenen Radierung "Christus heilt die Kranken" zahlte, dann tat er dies vor allem, weil er das Werk auf dem Kunstmarkt rar machen und damit seinen Wert steigern wollte. Letztlich sollte dies auch dem Ansehen seines Berufsstandes dienen. Der Maler selbst meldete über solchem Ehrgeiz Insolvenz an.

Rembrandts aktive Teilhabe an einem Marktgeschehen, das Gemälde wie Waren in kursierende Geldwerte verwandelte, versetzt uns heute angesichts eines vergleichbar virtuellen, allerdings in globalen Dimensionen angesiedelten Finanzmanagements in unbehagliches Staunen. Als beständiger Wert erweist sich am Ende allein das greifbare, sichtbare Werk, seine spirituelle und psychologische Substanz und seine Hintergründigkeit.

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