Macher 2006
Romano Prodi: Professore Mortadella

Am 9. April wird sich entscheiden, wer Italien in den kommenden Jahren führen wird. Der aussichtsreichste Kandidat ist Romano Prodi. In allen Umfragen liegt das Mitte-links-Bündnis des Wirtschaftsprofessors und ehemaligen Kommissionspräsidenten der Europäischen Union vorne, meist mit einem zweistelligen Abstand vor der amtierenden Regierungskoalition von Silvio Berlusconi.

HB MAILAND. Prodi verkörpert das Gegenteil Berlusconis. Während der Selfmade-Man und Medienunternehmer Berlusconi bei seinen Großauftritten Worte, Musik und Kameraeinstellung für die Großbildleinwand bis ins letzte Detail plant, kommt Prodi eher bedächtig, fast hausbacken daher. Seine Kritiker nennen ihn "Mortadella" - die Wurst aus Prodis Heimatregion Emilia Romagna ist für einen eher faden, nicht gerade aufregenden Geschmack bekannt. "Ich bin ein Diesel", hat er einst über sich selbst gesagt. Altbundeskanzler Helmut Kohl hat Prodi vor seiner Ernennung zum EU-Kommissionspräsidenten einmal anvertraut, das Geheimnis seiner Macht zu kennen: "Sie sind der einzige Italiener, der leise spricht."

Eher leise tritt er auch im Wahlkampf auf. Während Berlusconi per Privatjet durch die Republik düst, durchquert der kräftig gebaute Prodi die Mittelmeer-Halbinsel lieber per Laster, um auf Dorfplätzen den Menschen nahe zu kommen. Keine Villa in Sardinien, sondern ein Landhaus im Apennin, wo er sich mit der Großfamilie - der tief katholische Prodi hat sieben Geschwister - trifft.

Statt einer ehemaligen Schauspielerin steht an seiner Seite noch immer die erste Ehefrau, die Jugendliebe Flavia. Statt mit teuren Booten übers Mittelmeer zu segeln, radelt der Vater zweier erwachsener Söhne lieber die Hügel seiner Region per Rennrad ab.

Leiser treten muss Prodi auch mangels finanzieller Ressourcen. Im Gegensatz zu seinem Gegenkandidaten hat Prodi keinen Medienapparat aus Fernsehsendern und Verlagen hinter sich stehen. Dennoch: Über mangelnde Erfahrung kann Prodi nicht klagen. 1996 hat er schon einmal die Wahlen gewonnen und verhandelte in seiner Zeit als Ministerpräsident den Eintritt Italiens in die Europäische Währungsunion, bis er 1998 wegen der mangelnden Unterstützung seiner Koalitionspartner seinen Posten räumen musste. Zuvor hatte er bereits 1978 bis 1979 als Industrieminister unter Giulio Andreotti gearbeitet.

Als Vorsitzender der staatlichen Beteiligungsholding IRI sanierte er in den 80er- und 90er-Jahren das Sammelsurium von unprofitablen Industrieunternehmen und trieb gleichzeitig die Privatisierung mehrerer Staatsunternehmen voran. Ein Zeichen dafür, dass der heute 66-jährige Politiker mit Gastprofessuren in Harvard und Stanford ein Freund der Marktwirtschaft ist. Altkanzler Gerhard Schröder sagte vor drei Jahren, die "Professoren in Brüssel" seien "schlimmer als US-Neoliberalismus". Gemeint waren Prodi und sein Landsmann Mario Monti.

Prodi ist schwer zuzuordnen: zwar wirtschaftsliberal, aber doch im Mitte-links-Spektrum angesiedelt. Auch in den Zirkeln der italienischen Hauptstadt Rom gilt er als Outsider - und ist stolz darauf. "Nicht einmal tot würde ich nach Rom ziehen", ließ er jüngst wissen. Da ihm in seiner eigenen Koalition mangels Parteibuch ein klarer Rückhalt fehlt, drängte er auf die Vorwahlen, die den Anführer bestimmen sollten. Bei einer überraschend hohen Wahlbeteiligung von mehr als vier Millionen Stimmen ist er mit knapp 75 Prozent der Stimmen als eindeutiger Sieger hervorgegangen.

Sollte Prodi im April 2006 tatsächlich zum Ministerpräsidenten gekürt werden, will er die auf Berlusconi zugeschnittenen Gesetze abschaffen und auch die Irak-Politik ändern, indem er die gegenwärtigen Truppen durch multilaterale Verbände ablöst.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat er sich Reformen wie die Senkung der Arbeitskosten und Investitionen in Forschung und Entwicklung auf die Fahne geschrieben. Auch das wird der Professore wohl eher leise vorantreiben.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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