Macher 2006
Ursula von der Leyen: Den Kindern verpflichtet

Auf eines kann sich die neue Familienministerin Ursula von der Leyen (47) bislang verlassen: Rückendeckung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als nur wenige Wochen nach Abschluss des Koalitionsvertrags prominente Unionspolitiker wie der nordrhein-westfälische Regierungschef Jürgen Rüttgers das geplante Elterngeld als unsozial kritisierten, weil es nur den Besserverdienenden helfe, stellte die Kanzlerin sich demonstrativ hinter die Newcomerin auf dem Berliner Politikparkett.

HB BERLIN. Auch an der SPD-Basis ist die Idee, Eltern in den ersten zwölf Monaten nach der Geburt eines Kindes bis zu 1 800 Euro Verdienstausfall aus der Staatskasse zu zahlen, alles andere als populär. "Jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein." Dieser oberste Grundsatz traditioneller staatlicher Familienpolitik spukt noch in vielen Köpfen bei SPD und Union.

Doch die siebenfache Mutter und studierte Volkswirtin und Medizinerin ist angetreten, Familienpolitik neu zu buchstabieren. Damit steht sie durchaus in der Kontinuität ihrer Vorgängerin Renate Schmidt (SPD). Weil es vor allem die hoch qualifizierten Frauen sind, die zu Gunsten ihrer beruflichen Karriere auf Kinder verzichten, müsse die Politik auch diesen Frauen in besonderer Weise helfen, meint sie.

Deshalb hat sie sich auch bereits mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) angelegt. Sie will, dass Frauen in Zukunft Kinderbetreuungskosten besser von der Steuer absetzen können, als der Finanzminister angesichts der schwierigen Haushaltslage für vertretbar hält. Auch hiervon würden vor allem Besserverdienende profitieren. Der Konflikt soll nun auf einer Koalitionsklausur Anfang Januar beigelegt werden.

Dass von der Leyen besonders viel Verständnis für Familien mit der größeren Geldbörse aufbringt, hat sicher auch mit ihrem persönlichen Hintergrund zu tun. Der Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) gelang trotz sieben Kindern eine beachtliche Karriere, bevor sie voll in die Politik einstieg. Nach dem Abitur studierte sie von 1977 bis 1980 Volkswirtschaftslehre in Göttingen und Münster. Es folgten ein Zweitstudium der Medizin und eine Tätigkeit als Assistenzärztin an der Frauenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover bis 1992 und weitere Studien an der Stanford-Universität in den USA. Nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland arbeitete sie bis 2002 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung ihrer alten Hochschule und erwarb dort 2001 den akademischen Grad eines Master of Public Health (MPH).

Ihre politische Karriere gewann erst Ende der neunziger Jahre an Fahrt: Seit 1990 CDU-Mitglied, engagierte sie sich rasch in der niedersächsischen Landespolitik. 2003 holte sie der neu gewählte Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) als Sozialministerin in sein Kabinett. 2004 stieg sie überraschend als Nachfolger von Hermann Josef Arentz ins Parteipräsidium der CDU auf und leitete seit Februar 2005 die CDU-Kommission Eltern, Kind, Beruf. Im August engagierte Angela Merkel sie für die Bereiche Familie und Gesundheit in ihr Wahlkampfteam.

Kritiker werfen von der Leyen vor, dass sie ihr ganzes Leben auf der Sonnenseite stand. Immer sei genug Geld da gewesen, Beruf und Familie mit Hilfe von Kindermädchen und Haushaltshilfen problemlos zu vereinbaren. Die wahren Nöte der Familien in Deutschland kenne sie daher nicht, vor allem die der Einkommensschwachen.

Von der Leyen scheint dieses Defizit zu spüren. Der Staat müsse sich stärker um die Kinder kümmern, die "auf der Schattenseite des Lebens" geboren wurden, forderte sie jüngst. "Dort müssen wir das Wächteramt des Staates früher ausüben." Mit höheren Steuervorteilen für die Kinderbetreuung lässt sich dieses Ziel freilich kaum erreichen.

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