Macher 2006
Wendelin Wiedeking: In heikler Mission

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat im September mit dem Einstieg bei Volkswagen für einen Paukenschlag gesorgt. Dass der selbstbewusste Westfale aus seinem bei Porsche erfolgreichen David-Prinzip auch eine aggressive Akquisitionspolitik ableiten würde, hatte so niemand auf der Rechnung. "Das war ein neues Muster, das von den Leuten erst noch gelernt werden muss."

HB STUTTGART. In solchen Sätzen gefällt sich Wiedeking. Dass sie selbstherrlich wirken, kümmert ihn wenig. 18,5 Prozent des viel größeren VW-Konzerns gehören jetzt den Zuffenhausenern. Darüber hinaus verfügt Porsche noch über Optionen, auf 22 Prozent aufzustocken. Weiterer Zukauf nicht ausgeschlossen. Aber es gibt auch Kritik: Dass Porsche 3,5 Milliarden Euro in die Hand nimmt, nur um die Partnerschaft abzusichern, klingt in einer Zeit mit den vielfältigsten Kooperationen in der Autoindustrie nicht überzeugend. Es geht wohl um mehr.

Spannend wird, wie Porsche Einfluss auf VW nehmen wird und wie das vor allem mit den Prinzipien des Corporate Governance, also einer guten Unternehmensführung, zu vereinbaren ist. Wiedeking wischt derartige Dinge mit einer Handbewegung vom Tisch: "Diese Gralshüter der Corporate Governance schießen doch weit über das Ziel hinaus. Wieso sollten wir als größter Aktionär nicht im Aufsichtsrat vertreten sein? Mit deren Forderung, uns herauszuhalten, werden doch unsere Rechte als Anteilseigner mit Füßen getreten", sagte Wiedeking dem Handelsblatt.

Mit Ex-VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch besetzt bereits der maßgebliche Vertreter der Porsche-Eigentümerfamilien den Aufsichtsratsvorsitz bei VW. Alles, was Wiedeking tut, geschieht mit Piëchs Plazet. Mindestens zwei Aufsichtsratsposten beansprucht Porsche darüber hinaus - sehr zum Missfallen von Christian Wulff. Der niedersächsische Ministerpräsident vertritt das Land als zweitgrößter VW-Anteilseigner. Wulffs Anstrengungen, Piëch wegen möglicher Interessenkollision zum Rückzug aus dem Aufsichtsrat zu bewegen, sind vorerst im Sand verlaufen. Wulffs Bedenken, dass andere Anteilseigner zu Gunsten der Interessen von Porsche benachteiligt würden, sind zwar berechtigt, tragen aber nicht weit genug. Denn im Umkehrschluss gab es bei VW viele standortpolitische Entscheidungen im Sinne der Landesregierung, die den Konzern bei den Kosten in Schieflage gebracht haben.

Wiedeking hat bereits klare Ansagen gemacht. Er will die Strategie kritisch begleiten und den Vorstand daran messen, ob er seine ehrgeizigen Ziele bis 2007 erreicht. Zudem gab er kund, VW fehle eine Vision. Zwar will er Vorstandschef Bernd Pischetsrieder bei unpopulären Maßnahmen wie Personalabbau den Rücken stärken. Aber das hört sich eher an wie die Treuebekundungen eines Clubpräsidenten zum Trainer vor einem Abstiegsspiel in der Fußballbundesliga.

Sollte sich abzeichnen, dass VW-Chef Pischetsrieder seine Ziele nicht erreicht, dürfte sein 2007 auslaufender Vertrag kaum verlängert werden. Dann gibt es quasi nur zwei Optionen. Entweder der VW-Markenchef Wolfgang Bernhard übernimmt das Ruder mit Wiedeking als Aufpasser im Nacken, oder Wiedeking selbst macht den Job. Es spricht vieles dafür, dass Piëch Bernhard als Kostenkiller benutzt, bis er seine Schuldigkeit getan hat wie einst Ignacio Lopez unter seiner Führung als VW-Chef. Uneingeschränktes Vertrauen genießt dagegen Wiedeking. Er hat das Vermögen der Porsche-Eigentümer um Milliarden Euro gemehrt und sie schließlich erst in die Lage versetzt, nach dem geistigen und wirtschaftlichen Erbe des genialen Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche zu greifen. Wen, wenn nicht Wiedeking, sollte die Familie mit dieser heiklen Mission betrauen?

So oder so: 2006 werden wir noch viel von Wendelin Wiedeking hören. Der 53-jährige Stratege hätte nie den ersten Schritt bei VW gemacht, wenn er nicht zu weiteren in der Lage wäre, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. "Der Mann hat noch jede Menge vor", sagte ein hoher Porsche-Manager kurz vor dem Einstieg bei VW - er war gut informiert.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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