Macher 2006
Wolfgang Kirsch: Meister im Zuhören

Seine Ernennung war die große Überraschung des Jahres 2005 bei den Volks- und Raiffeisenbanken. Wolfgang Kirsch soll im Laufe des Jahres 2006 auf den Chefsessel der DZ-Bank, des größeren der beiden genossenschaftlichen Spitzeninstitute, aufrücken. So hat es der DZ-Aufsichtsrat geplant, als er Kirsch Ende Oktober zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden kürte und damit nach eigener Formulierung "die Weichen für die Nachfolge an der DZ-Spitze" stellte.

HB FRANKFURT. Der jetzige Vorstandsvorsitzende Ulrich Brixner erreicht in einer Woche die Ruhestandsgrenze von 65 Jahren. Spätestens im September, wenn sein Vertrag offiziell ausläuft, wird Brixner die DZ-Führung an den Nachfolger übergeben. Wann genau dies erfolgt, liegt in seinem Ermessen. Laut Vertrag kann er gehen, sobald er 65 Jahre alt ist - also theoretisch schon am kommenden Wochenende. Doch dies gilt in seinem Umfeld als unwahrscheinlich.

Die Wahl war auf Kirsch gefallen, weil die DZ Bank für die kommenden zwei Jahre eine Integrationsfigur benötigt. Kirsch muss die Fusion mit der WGZ Bank meistern, dem letzten verbliebenen regionalen Spitzeninstitut neben der DZ. Die WGZ betreut die 240 nordrhein-westfälischen Volks- und Raiffeisenbanken, alle anderen betreut die DZ-Bank. Beide Zentralbanken wollen fusionieren. Im vergangenen Winter scheiterte der erste Versuch. Im Sommer kündigten beide einen zweiten an, der aber vorbei war, bevor er überhaupt begonnen hatte. Die Vorstandsvorsitzenden Brixner (DZ) und Werner Böhnke (WGZ), zwischen denen die Chemie nicht stimmt, lieferten sich einen Grabenkampf um unvereinbare Fusionsmodelle. Solange die Fusion auf Eis liegt, entgehen den Genossen jährlich 100 Mill. Euro erhoffte Synergieeffekte.

Entsprechend groß sind die Erwartungen an den 50-jährigen Kirsch. Zusammen mit WGZ-Chef Böhnke soll er die Fusion meistern. Die beiden können miteinander - man kennt sich, denn Kirsch war im DZ-Vorstand auch für Nordrhein-Westfalen zuständig.

Als Kreditvorstand und oberster Controller hat Kirsch bisher wenig von sich reden gemacht. Das muss keineswegs gegen ihn sprechen, schließlich bringt es die Aufgabe mit sich, eher im Hintergrund zu agieren. Ohne Aufsehen hat er seit seinem Antritt 2002 das Kreditportfolio bereinigt und die Wertberichtigungen von 1,7 Mrd. auf unter 300 Mill. reduziert. Dies rechnen ihm auch seine Kritiker als Verdienst an. Aus den heftigen verbandspolitischen Querelen um die Brixner-Nachfolge, die den genossenschaftlichen Finanzverbund im Sommer und Herbst aufwühlten, hielt Kirsch sich heraus.

Auch nach der Kür zum Kronprinz Ende Oktober drängte Kirsch nicht in die Öffentlichkeit und bereitete sich eher ruhig auf seinen neuen Job vor. Durch Zuhören - seine Stärke - hat er sich bereits den Respekt der Volksbanken erworben. Kritiker warnen, dass er im Schatten Brixners bisher zu viel zugehört habe und eigenen Gestaltungswillen erst beweisen müsse. Dazu hat er im neuen Jahr Gelegenheit. Beobachter gehen davon aus, dass die offiziellen Fusionsgespräche mit der WGZ Bank erst beginnen können, nachdem Brixner das Ruder abgegeben hat. Es wäre eine Überraschung, wenn es 2006 noch zur Fusion käme.

Überdies muss Kirsch beweisen, dass er ohne genossenschaftlichen "Stallgeruch" erfolgreich agieren kann. Seine Karriere machte er zum größten Teil bei der Deutschen Bank und kam erst 2002 zur DZ. WGZ-Chef und DZ-Aufsichtsrat Böhnke hatte den Chef der Schwäbisch-Hall, Alexander Erdland, präferiert, der eine 25-jährige Verbandskarriere und großen Rückhalt unter den Volks- und Raiffeisenbankern aufweisen kann. Doch Brixner hatte auf einen Nachfolger aus seinem Vorstand bestanden. Diesem Kollegenkreis muss Kirsch im neuen Jahr entwachsen.

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