McKinsey-Deutschland-Chef: „Erdbeben im Weltfinanzsystem“
Banken droht weiteres Krisenjahr

Die Krise in der internationalen Finanzbranche wird den Banken nach Ansicht führender Finanzexperten auch im kommenden Jahr schwer zu schaffen machen. So warnt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem Anfang Dezember vorgelegten Quartalsbericht, dass sich nach einer vorübergehenden Entspannung im Oktober wegen der fortgesetzten Wertverluste bei strukturierten Finanzprodukten das Klima auf den Finanzmärkten erneut deutlich verschlechtert habe.

ben/egl/kol/mak DÜSSELDORF. Die Experten der BIZ, deren Wort als "Bank der Notenbanken" in der Branche großes Gewicht hat, kritisieren dabei insbesondere die mangelnde Transparenz bei den großen Finanzunternehmen. Dies schüre die Angst vor weiter hohen Abschreibungen. Zusätzlich zu den "Unsicherheiten bezüglich der Risiken an Subprime- und anderen Kreditmärkten" verstärkten sich die Befürchtungen, "die Krise am US-Markt für Wohnimmobilien würde sich noch vertiefen und letztlich zu einer Schwächung der gesamten Wirtschaft beitragen", schreibt die BIZ.

"Das wahre Ausmaß wird sich vielleicht erst mit Vorlage der Bilanzen für 2007 offenbaren", betont auch der Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Frank Mattern, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Bankenexperte spricht von einem "Erdbeben im Weltfinanzsystem" und sagt: "Nach wie vor besteht die Gefahr, dass Fonds und Banken in größerem Umfang Notverkäufe von Wertpapieren vornehmen müssen, um sich refinanzieren zu können."

Die Krise hatte begonnen mit massiven Ausfällen bei US-Immobilienkrediten schlechter Bonität. Da diese Risiken aber über komplexe Finanzpapiere und Verbriefungen über die ganze Welt gestreut wurden, wuchs sie sich rasch zu einer allgemeinen Bankenkrise aus. "Weltweit hat die Bankenszene noch nicht alle Risiken gehoben und beziffert, weil diese Produkte und Verträge so unglaublich trickreich und kompliziert sind", sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück dem Magazin "Focus". Deswegen rechnet auch er damit, dass die Turbulenzen noch lange nicht ausgestanden sind.

In ungewöhnlicher Deutlichkeit benennt die BIZ die Probleme. Gegenüber dem letzten Quartalsbericht habe sich der Auftrieb der Kreditrisikoaufschläge mit einem deutlichen Rückgang der Risikotoleranz der Anleger fortgesetzt und sei von den Märkten für zweitklassige Hypotheken auf andere Segmente übergeschwappt, so die BIZ. Dazu passen Meldungen vom Wochenende, dass nach Problemen bei Hypothekendarlehen, Kreditkartenschulden und Autofinanzierungen jetzt auch die Ausfälle bei Studentenkrediten in den USA massiv zugenommen haben. Die Zahl der Kreditausfälle habe in einigen der staatlichen und privaten Programme um teilweise mehr als ein Viertel zugenommen, berichtete das "Wall Street Journal".

Eine neue Welle von Herabstufungen des Ratings von Anleihen mit Immobilienunterlegung habe seit Mitte Oktober eine "zweite Phase einer breiten Marktschwächung ausgelöst", so die BIZ. Zwischen dem 11. und 19. Oktober hatten Moody?s und Standard & Poor?s jeweils rund 2 500 "subprime bonds" weiter herabgestuft. Davon betroffen war ein Anleihevolumen von 80 Mrd. Dollar. Bei den im letzten Jahr emittierten Anleihen mit Subprime-Hypothekenunterlegung, die ein Rating von AA aufwiesen, haben Investoren nach Berechnungen der BIZ auf marktnaher Bewertung von Ende August bis Ende November 2007 30 Prozent verloren. Projektionen der BIZ deuten an, dass schon kleine Veränderungen in der Performance verbriefter Hypotheken relativ großen Einfluss auf Instrumente am Ende der Verbriefungskette haben können. Dies, so die BIZ-Experten, erklärt einen Teil der vorherrschenden Unsicherheit.

Um dieser Unsicherheit entgegenzuwirken, wird das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) heute Richtlinien für die Bewertung und Verbuchung der von der Krise betroffenen Wertpapiere durch die Banken vorlegen. "Wir gehen davon aus, dass dies eine wichtige Hilfestellung für die Institute sein wird", sagt Katrin Rohmann, Partnerin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche.

Eine wirklich einheitliche Vorgehensweise bei allen Banken wird dadurch jedoch nicht erreicht. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller hatte im Herbst eine Einigung von Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsbehörden auf Vorgaben zum Umgang mit der Krise gefordert. Dies lehnen die Behörden jedoch ab. "Das ist wegen der Heterogenität der Wertpapiere kaum möglich", sagte Adelheid Sailer-Schuster, Direktorin in der Bankaufsicht der Bundesbank. Auch Forderungen, die Aufsicht möge Vorgaben zur Preisfindung bei den Papieren machen, wies sie zurück. "Da muss der Markt entscheiden", sagte sie.

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