Medienrummel in Rom
2005 - das Jahr in dem „wir“ Papst wurden

Große Gefühle, ein großes Ritual, und ein riesiger Medienrummel begleiteten den Abschied von Papst Johannes Paul II. und die Wahl eines Deutschen zum neuen Kirchenoberhaupt. Und selbst Monate nach den "Ereignissen von Rom" scheint vieles noch unerklärlich und geheimnisvoll.

HB ROM. Rom, Anfang April: Da ist ein alter, kranker Papst aus Polen, der mit dem Tode ringt. Auf dem Petersplatz knien die Gläubigen, auch nachts, Fernsehkameras aus allen Ländern sind auf das Sterbezimmer gerichtet, die Welt scheint Anteil zu nehmen. Und das in dieser glaubensfernen Zeit?

Dann ist da eine Trauerfeier - mit einem Holzsarg, der schlichter nicht sein könnte, mit einer Bibel darauf, in deren Seiten der Wind spielt. Perfekt inszeniert wie in Hollywood, und doch irgendwie ganz anders. Und dann ist da dieser glaubensstrenge deutsche Kardinal, der Worte über den Toten spricht, die wie Kinderworte klingen: "Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vater steht und uns sieht und uns segnet."

Und dann, in einem Ritual, wie es keine andere Institution der Welt mehr zu bieten hat, wird eben jener strenge deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt - und durch das ansonsten so verzagte Deutschland, in dem Ratzinger Jahrzehnte lang als Symbolfigur von Konservatismus und Rückständigkeit gebrandmarkt wurde, geht (nach kurzem Zögern) eine Welle der Begeisterung. "Wir sind Papst", titelt die "Bild"-Zeitung in jenen bewegten Tagen im April.

"Was war da nur los in diesem sonderbaren Frühling dieses Jahres 2005", fragt der Papstbiograf Alexander Kissler ratlos. Fast fünf Mill. Gläubige strömten nach dem Tod von Johannes Paul II. am 2. April nach Rom. Wer meint, Glaube und Papstbegeisterung sei eine Sache für Alte, wurde eines Besseren belehrt. Viele junge Leute kamen nach Rom, aus Italien, aus vielen europäischen Ländern, vor allem aus Polen. In der Ewigen Stadt war es mild in diesen Tagen, das Jungvolk übernachtete unter freiem Himmel, morgens kamen Lastwagen mit Wassertanks angefahren, die Jugend wusch sich im Freien, lachend. "Es war einfach eine ganz tolle Stimmung", meint ein Römer im Rückblick.

Flinke Kommentatoren sind schnell mit Erklärungen zur Hand, was sich hinter der Hochstimmung dieser Tage verbirgt. "Renaissance der Religion" hieß ein Stichwort. Andere beschwören das große Ritual der uralten Institution Kirche, das die Menschen in dieser ansonsten so nüchternen Zeit besticht. Wer am Leichnam von Johannes Paul im Petersdom vorbeiziehen wollte, musste bis zu 20 Stunden in der Menschenschlange warten. Doch unter den Wartenden herrschte weniger Trauer und Bestürzung als die Verzückung der Gläubigen, die Großes miterleben dürfen. Es war eine Art stille Begeisterung der Zeitzeugen: "Und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen."

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