Mehr als 20 Insassen schnell befreit
Die ersten Retter am Bus kamen aus der Discothek

Es waren sechs junge Leute, denen viele Verletzte des schweren Busunfalls bei Lyon ihr Leben verdanken. Patrick Sirolli (25) und seine Freunde sahen, wie der Bus aus Wunstorf bei Hannover über eine Brücke stürzte und sich überschlug. „Wir waren schon vorher über seine Geschwindigkeit erstaunt“, berichtete der 25-jährige der Zeitung „Dimanche“. Sofort alarmierten die Freunde, die aus einer Discothek kamen, die Rettungskräfte. Wenig später herrschte „Alarmstufe Rot“ für die Region um Lyon.

HB/dpa DARDILLY. Als Patrick und seine Freunde zum Wrack des Busses eilten, hörten sie die verzweifelten Schreie der Eingeklemmten. „Mit Werkzeug aus dem Bus haben wir eine Seitentür aufgebrochen“, sagt der junge Mann. „Die Menschen lagen aufeinander, schrien und weinten.“ Mehr als 20 Insassen konnten sie aus dem Wagen befreien. Aber an das durch den Überschlag zusammengepresste Dach kamen sie nicht heran. Darunter waren besonders in den hinteren Reihen die Passagiere eingeklemmt. Hier gab es auch die meisten Opfer. Insgesamt starben bei dem Unglück am Samstag 28 Menschen.

Wenige Minuten nach dem Alarmruf der jungen Leute rissen die Sirenen der Fahrzeuge am Unglücksort die Anwohner aus dem Schlaf. Über 250 Helfer wurden in kürzester Zeit mobilisiert. Zunächst fehlte es an Stromaggregaten, aber dann klappte alles reibungslos. 140 Feuerwehrleute, 50 Ärzte und anderes Gesundheitspersonal sowie 60 Polizisten eilten an den Unfallort bei Dardilly. Hubschrauber flogen die Schwerverletzten sofort in Lyoner Kliniken, wo sie operiert wurden. Deutsche Diplomaten sind voll des Lobes über den Rettungseinsatz.

Dass die Fahrt nach Spanien so abrupt etwa fünf Kilometer nördlich von Lyon endete, kann nach Ansicht französischer Experten nur auf die hohe Geschwindigkeit von 117 Stundenkilometern zurückgeführt werden. Bei Nässe darf nur 90 gefahren werden. „Aber so etwas kennt man in Deutschland nicht“, schreibt „Dimanche“. Die Autobahn, wo das Unglück geschah, gilt als Todes-Route für Busse. In der Nacht zum 1. August 1982 verbrannten dort 44 Kinder in einem Bus.

Der deutsche Bus war genau vor einer etwa vier Meter hohen kleinen Brücke außer Kontrolle geraten. Sie überquert den Chemin de la Brocardière, eine kleine Straße, die unter anderem zu Gewächshäusern führt. Das 1991 in Betrieb genommene Fahrzeug durchbrach dort die Leitplanke und die zusätzliche Brückenabsperrung, sackte nach vorne ab, prallte mit der Front auf einen strauchbewachsenen Abhang und überschlug sich.

„Wir hatten eine extrem lange Trockenperiode“, sagt die evangelische Pastorin Horsta Krum, die in Lyon lebt und die Verletzten in den Krankenhäusern betreut. Deswegen war die Fahrbahn vermutlich mit einem Schmutzfilm überzogen. Der erste Regen seit langem machte sie rutschig.

Beim deutschen Konsulat in Lyon und in den Krankenhäusern meldeten sich sofort Deutschsprachige. Eine davon war Inge Bonin aus Sachsen, die seit fast 60 Jahren in Lyon lebt. „Die armen Menschen hatten sich doch so über den Gewinn einer Reise gefreut“, sagt sie noch immer stark ergriffen. „Stellen Sie sich mal vor, wie das ist: Allein nach so einem Unglück in einem fremden Land, wo sie die Sprache nicht können.“

Am Sonntag spendete Pfarrer Peter Arnold Angehörigen von fünf Familien Trost. „Ich habe einfach nur zugehört, denn alle sind noch immer schwer geschockt“, sagt der 61-Jährige. Er war noch am Samstagabend aus Marseille nach Lyon geeilt.

In Limonest, einem Wohndorf für betuchte Lyoner mit rund 3000 Einwohnern, trifft er in der örtlichen modernen Sporthalle auf Angehörige der Toten. „Einer hat seine Eltern bei dem Unfall verloren. Er denkt aber jetzt, dass dies der gemeinsame Tod war, den sich beide gewünscht haben“, sagt Arnold. In der Sporthalle sind 27 Leichen aufgebahrt. Die Leiche des Unfallfahrers wird obduziert.

Die Bestatter haben die ganze Nacht gearbeitet, um die Toten für die Angehörigen vorzubereiten. „Es ist eine würdige Atmosphäre, mit Blumen und Osterkerzen“, beschreibt der Pfarrer. Pierre-Alain Muet, der Stellvertreter des Bürgermeisters von Lyon, findet nur schwer Worte: „Die Touristen kamen aus einem Land, das uns sehr nahe steht. Wir fühlen mit ihren Angehörigen“, erklärt er.

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