Mille Miglia 2003
Raserei nutzlos

Für Fans bedeutet die Mille-Miglia-Strecke von Brescia bis Rom die Begegnung mit Bugatti, Lamborghini und Ferrari. Aber auch in den Dörfern der Po-Ebene lebt die gute alte Zeit noch fort.

Nach einem deftigen Ossobuco mit Safran-Risotto kommt selbst die Kupplung satter als sonst. Der Motor heult auf und taucht ein in diese kerzengerade Straße, die bis zum Horizont gesäumt ist von schlanken Pappeln. Dazu dieses heitere Licht, das die blühenden Obstbäume und vereinzelten Lambrusco- Reben in wunderbar sanfte Pastelltöne taucht, und das es nur in der „Bassa“ gibt, der Po-Ebene im Frühling.

Nein, das hier ist nicht die Mille Miglia! Aber es ist die Strecke, auf der ab kommendem Donnerstag – 22. Mai – die 6-, 8- oder gar 12-zylindrigen Motoren von 372 blitzblank polierten Oldtimern auf der Viale Venezia warm laufen, von der Rampe rollen, an den römischen Ruinen des einstigen Brixia vorbeifahren und zur Nachtetappe nach Ferrara aufbrechen. Kennern dürfte es daher schwer fallen, hier nicht von diesem legendärsten aller Autorennen zu träumen: 1 000 Meilen auf den einsamen Straßen zwischen Brescia, Rom und retour.

Oft sind sie noch so holprig wie bei der Erstauflage der Veranstaltung im fernen 1927. Heldensagen wurden hier geschrieben, Dramen und Tragödien. Mit richtigen Autos: dem silbernen Mercedes-Flügeltürer zum Beispiel oder dem roten Ferrari 340 Vignale. Autos, die nicht so erbärmlich aussahen wie die magersüchtigen Formel-1-Renner von heute. Mitmachen darf bis heute nur, wer eine Karosse fährt, die bereits bei einer der 24 „klassischen“ Mille Miglias dabei war.

Zwischen 1927 und 1957 also. Danach, nach 1957, war nämlich erst mal Schluss mit der Mille Miglia. Der portugiesische Playboy Alfonso Capeza de Vaca hatte dem automobilen Zauber ein jähes Ende bereitet, als er mit Tempo 250 in eine Zuschauerreihe gerast war und 12 Menschen mit sich in den Tod gerissen hatte.

Bis 1977 mussten die tollkühnen Kerle warten, bis sie unter dem Label Mille Miglia wieder in ihre Kisten einsteigen durften. Allerdings: nicht mehr unter Rennbedingungen.

Ein Fest auch für die Gastronomen

„Ja, ja, richtig Gas dürfen die nicht mehr geben“, grummelt ein runzeliges Alterchen mit abgescheuertem Sakko, „deshalb gibt’s auch keine richtigen Tifosi mehr, höchstens noch Schaulustige.“ Seine abfällige Handbewegung macht den Unterschied deutlich zwischen richtigen Fans und einfachen Zuschauern. Heute siegt jenes Team, das am präzisesten die von der Jury vorgegebenen Zeiten erreicht. Raserei nutzlos.

Aus diesem Grund setzen sich heute auch nur noch sehr wenige – und wenn, dann sehr betagte – Rennfahrer ans Steuer. Oder Promis wie Uschi Glas, Leopold von Bayern oder Infineon-Boss Ulrich Schumacher. Die Zeiten, in denen das englische Team Moss/Jenkinson auf einem Mercedes 300 SLR die Strecke in knapp 10 Stunden mit einem irrwitzigen Schnitt von 158 Kilometer pro Stunde absolvierte, sind unwiederbringlich vorbei.

Der heimischen Gastronomie tut das freilich keinen Abbruch: „Die Mille Miglia müsste täglich stattfinden“, dröhnt Gian-Baptista Zane, bärtiger Wirt des Restaurants Al Frate gleich um die Ecke des romanischen Doms von Brescia. „Das ist der einzige Tag im Jahr, an dem ich doppelten Umsatz mache!“ An der Wand seines urigen Lokals hängen alte Campari-, Martini- und Cinzano-Werbetafeln aus Blech, hinter dem groben Tresen eine Plakette des Deutschen Touring Clubs.

Doch nicht nur Restaurants wie das von Zane sind ein Grund, warum auch Besucher die Strecke eher gemächlich tuckern sollten: Entlang den Dämmen des Po ist die „Piccolo Mondo“ lebendig, jene kleine Welt, die Giovanni Guareschi in seinem Don Camillo so feinsinnig und ironisch beschrieben hat und die dank der Verfilmung mit Fernadel und Gino Cervi in den 50er- Jahren auch jenseits der Emilia Romagna eine gewisse Berühmtheit erlangte.

Autofreaks kommen auf ihre Kosten - in jeder Beziehung

Hier stehen die Dorfältesten noch vor den Bars, um über Politik, Fußball oder das Leben an sich zu diskutieren. Manchmal säumen Platanen die Straßen, meist aber Gräben, oft auch prächtige Kastelle. In diesem rustikalen Landstrich wird Butter in der Küche verwendet und nicht etwa Olio extravergine. Von hier kommen – in Form der Kürbistortelli, „tortelli di zucca“ – die vielleicht feinste Pasta und – mit dem Culatello di Zibello – das exklusivste Schinkenprodukt Italiens.

Außerdem können Besucher hier überaus stilvoll übernachten. So sind etwa die Zimmer und Suiten im Hotel Duchessa Isabella in Ferrara mit Himmelbetten und Stilmöbeln ausgestattet. Die Speisesäle besitzen noch originale Kassettendecken mit goldverzierten Rosetten aus dem 16. Jahrhundert. „Zu Zeiten der Fürstenfamilie Este gehörte das Haus dem Oberrabbiner von Ferrara“, plaudert die Inhaberin des Duchessa Isabella. „Dank seiner liberalen Traditionen hatte Ferrara eine große jüdische Gemeinde.“ Übernachtungswillige sollten sich jedoch nicht gerade die Zeit des großen Rennens aussuchen: „Bei der Milla Miglia sind wir immer schon ein Jahr im Voraus ausgebucht.“ In anderen Herbergen der blühenden Renaissance-Stadt sieht das nicht anders aus.

Doch auch ohne Mille Miglia kommen Autofreaks in Ferrara auf ihre Kosten: An der Front des mit Terrakotta verkleideten Palazzo Gulinelli steht in eine Marmortafel gemeißelt: „Hier trafen im Jahre 1900 Ettore Bugatti mit dem Grafen Gulinelli zusammen. Gemeinsam legten sie den Grundstein für den Mythos Bugatti.“ Da schlägt das Herz doch höher!

Das steigert sich noch, wenn auf dem Weg in Richtung Modena – in Sant’ Agata Bolognese – der gelbe Schriftzug „Lamborghini Automobili“ auf einer Werkhalle im Stile der Jahre auftaucht. Wer weiterfährt, stößt zwangsläufig auf die Schilder nach Maranello, der Heimat von Ferrari.

Aceto Balsamico Tradizionale genießen

Der Oldtimer-Tross der Mille Miglia dampft von hier aus ab über Ravenna – dort gibt es die schönsten Mosaiken Italiens – in Richtung San Marino, vorbei an Feldern mit Mohnblumen und an den geheimnisumwitterten Burgen des Montefeltro, über den Apennin hinter Urbino, um sich schließlich über das alte Etruskerland bei Perugia und Assisi in Richtung Rom zu bewegen. Genießer dagegen sollten in der Po-Ebene noch eine Weile bleiben.

Denn hier, rund um Modena, gibt es noch etwas zu entdecken, was mindestens genauso bemerkenswert ist wie ein Mille-Miglia-Renner: Aceto Balsamico Tradizionale. Einen der besten seiner Art können Feinschmecker bei Giuseppe Pedroni, einem Osteria–Besitzer im Dorf Rubbiara di Nonatola, verköstigen. „Das ist kein Produkt, das ist eine Religion“, sagt Pedroni mit Blick auf seine Fässer aus Kastanie, Kirsche und Eiche.

In einer solchen „Batteria“ unterm Dach lagert der gekochte Most aus der Trebbiano-Rebe oft jahrzehntelang. Ergebnis ist eine dunkelbraune Flüssigkeit, die fast so dicht ist wie Harz. Mit mit ihrem feinen, süß-sauren Aroma schmeckt sie unvergleichlich: zu Hase, Parmesan oder auch frischen Erdbeeren. Pedroni hat noch Aceto, der zur Zeit der ersten Mille Miglia angesetzt worden ist. Wie das Rennen habe auch dieser nun den Geschmack des „Alten“.

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