Mille Miglia 2003
Sehen, gesehen werden und schlemmen

Die Region entlang der Oldtimer-Rennstrecke Mille Miglia hat mehr als schnieke Autos zu bieten: Restaurants, deren Köche auf lokalen Sinnesgenuss setzen.

Nach dem Augen- kommt der Gaumenschmaus: Wenn die Oldtimer im lombardischen Brescia im 30-Sekunden-Takt über die hölzerne Rampe rollen und durch ein dichtes Menschenspalier in die Nacht zur ersten Etappe der Mille Miglia nach Ferrara verschwinden, dann ist es Zeit für ein dem optischen Genuss angemessenes Abendgelage. Denn auch wenn sich die Zuschauer – wenigstens für einen Tag – satt gesehen haben an den hochglanzpolierten Karossen, so verspüren sie sicher einen gewissen Hunger auf ein Stück Gourmet-Italien. Und der wird am Besten mit traditionellen Speisen der Region gestillt.

Die Mille Miglia der Gaumenfreuden beginnt in Rione Santa Eufemia, wenige Kilometer östlich von Brescia. Dort kocht Graziano Cominelli in seinem Restaurant La Piazetta gar köstlich. Die Leichtigkeit der Zubereitung, die raffinierte Einfachheit der italienischen Küche, hier bekommt man sie in Reinkultur. Wer zum ersten Mal bei Cominelli hereinschaut, sollte sich auf keinen Fall den gedünsteten Oktopus mit Olivenöl aus Lucca und Kartoffelpüree entgehen lassen. Er nimmt einen Tipp für die heimische Küche mit: Ein bisschen Öl in das Püree, und es verliert alle deutsche Biederkeit.

Die Mille führt über Verona nach Ferrara, und da sich die Betrachter des beschaulichen Rennens nicht beeilen müssen, können sie in Verona ohne Gewissensbisse im Il Desco einkehren: Elegantes Ambiente im 400 Jahre alten Gemäuer, ein charmanter Service durch Anna Rizzi, die Dame des Hauses, und eine delikate Küche machen den Besuch im Il Desco zum Hochgenuss. Ob Hummer mit Petersilien- und Selleriepüree oder ein Stück Wild der Weinprobe im Tonnengewölbe des Kellers vorangehen, die Portionen sind in Geschmack und Größe eine gute Voraussetzung für einen ausgedehnten Zug durch die einheimischen Rebengärten.

Verwöhnabstecher zur Tenuta Amalia

Während am Freitagmorgen die Mille in Ferrara weitergeht und über Ravenna nach San Marino führt, sollten die Begleiter im Geiste bei Rimini einen Abstecher ins Land nach Villa Verucchio machen. Dort lohnt der Besuch des Landgutes von Alessandro Savazzi, die Tenuta Amalia. Ehemals Liebesnest einer englischen Adeligen und ihres italienischen Scouts, verwöhnt das Gut heute mit einem Hotel und gleich drei Restaurants.

Das eine, ’e Croin, serviert nur Geflügel, das zweite, Al Pesce Azzurro, nur Fisch und das dritte, Rò e Buni, nur Fleisch. Der Gast muss also, wenn er nicht drei Tage bleiben und sich vom Rennen verabschieden will, vor dem Gang ins Restaurant entscheiden, ob er Bandnudeln mit Fleischsauce, Geflügelleber oder Meeresfrüchten essen möchte. Wie so oft in Italien, führen Frauen Regie in der Küche, und all die deftigen Rezepte sind nach Großmutterart.

Die Mille führt weiter über Gubbio, Perugia und Rieti nach Rom. Aber daran muss sich niemand, der gezielt nach Gaumengenüssen sucht, sklavisch halten: Quer über den Stiefel nach Westen abzukürzen und nach Florenz zu fahren ist eine landschaftlich wie magenfreundliche Alternative.

Rund zehn Kilometer von der Touristenmetropole Richtung Bologna liegt Vaglia mit seiner autoverrückten Trattoria L’ Uovo di Colombo. Man speist neben dunkel- und hellroten Vorkriegswagen, Motorrädern, Ölpötten und allerlei automobilen Devotionalien. Schon wenige Sätze verraten Valerio Casciarri als Liebhaber der Mille und der Küche seiner Frau Sandra Attosti, die sensibel-kräftig zu würzen weiß.

Unbedingt sollte man Brunellescho probieren, ein Kalbshaxenragout. Benannt ist es nach dem Architekten der Florentiner Domkuppel, der nebenan seine Ziegel brennen ließ und mit dem Gericht seine Arbeiter satt bekam.

Der Genusssüchtige kehrt in Cavriago ein

Weiter geht’s nach Norden über Bologna in die Emilia-Romagna. Um Modena herum werden nicht nur Ferrari, Lamborghini, Maserati und Ducati gebaut, sondern auch die herrlichsten kulinarischen Produkte hergestellt: Schinken aus Parma, Aceto Balsamico aus Modena und Parmesan von glücklichen Kühen machen diese noch recht untouristische Gegend zu einem attraktiven Ziel.

Wiederum kommt der genusssüchtige Mille-Miglia-Fan vom Wege ab und kehrt in Cavriago bei Picci ein. Balsamico aus eigener Acetaia und die anderen Produkte der Region werden zu delikaten Gerichten verarbeitet, etwa zu einer Linsensuppe mit Steinpilzen, Seezunge und Scampi.

Zurück in Brescia kann man die abgekämpften Renn-Recken in Empfang nehmen. Die Wiederholungstäter unter den Gourmets landen sicher im La Piazzetta, um ihr Fest für die Sinne würdevoll zu beschließen – etwa mit einer Dorade in Zucchinihülle mit Rosmarinduft. Oder doch mit Kartoffelpüree.

* Rolf Versen, Zahnarzt, Genießer und Oldtimerfan, ist die Mille Miglia gefahren und hat die Restaurants an der Rennstrecke gleich mehrfach besucht.

Quelle: Handelsblatt

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