Millionenschäden in NRW
Nach dem Unwetter ist vor dem Unwetter

Wer nicht raus muss, sollte zu Hause bleiben: Die Feuerwehren sind seit der Nacht im Dauereinsatz, die NRW-Regierung rechnet mit Schäden in zweistelliger Millionenhöhe. Indes bilden sich neue, gewaltige Gewittercluster.
  • 19

DüsseldorfDie Abfahrt ist so nah – und doch so weit entfernt. Auf der A45 im Dortmunder Westen stehen die Autos, weil entwurzelte Bäume und mannshohe Äste auf beiden Spuren liegen. Ein paar Männer in kurzen Hosen, einige nur mit Flipflops an den Füßen, steigen aus, um die Sperren beiseite zu wuchten. Während es am dunklen Himmel immer noch bedrohlich grummelt, räumen sie zumindest die linke Spur frei. Die Autos holpern über Zweige und Blätter weiter – Richtung Abfahrt ein paar hundert Meter entfernt.

Die Räumaktion in Sommerkleidung ist ein Sinnbild für das schwere Unwetter, das am späten Pfingstmontag Nordrhein-Westfalen erschütterte. Die Autofahrer auf der A 45 kamen immerhin noch bis zum Rastplatz. Zuvor hatten Unwetter NRW erschüttert wie schon seit Jahren nicht mehr.

Wie hoch die Schäden sind, kann das Land Nordrhein-Westfalen am Dienstagmittag noch nicht genau beziffern. „Wir müssen damit rechnen, dass der Schaden insgesamt auf einen zweistelligen Millionenbetrag hinausläuft", sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger am Dienstag in Düsseldorf. Auch die sächsische Regierung rechnet mit Schäden in dieser Höhe. Allein der Versicherer Provinzial Rheinland hat am Dienstagnachmittag bereits Schadensmeldungen über 20 Millionen Euro vorliegen.

Genauere Schätzungen seien wohl erst in einigen Tagen möglich. „Das war eines der schwersten Unwetter der letzten 20 Jahre in NRW", sagte Jäger. Der Jahrhundertsturm Kyrill hatte 2007 Schäden an der Infrastruktur von 505 Millionen Euro angerichtet.

Der Versicherer Provinzial Rheinland rechnet nach den schweren Unwettern in Nordrhein-Westfalen mit Millionen-Schäden. "Die Schadenssumme wird alleine bei unseren Kunden deutlich über 20 Millionen Euro betragen", erklärte Provinzial-Bereichsleiter Günter Mohr am Dienstag. Dem Versicherer seien bereits mehrere tausend Schadensfälle gemeldet worden.

Auffallend viele Schäden seien durch umgestürzte Bäume verursacht worden, hieß es weiter. Aber auch Hagel, Blitz und Starkregen machten den Kunden des Versicherers zu schaffen.

20.000 Blitze innerhalb von zwei Stunden zuckten aus dem dem tiefschwarzen Himmel, die Sturmböen bis zum 150 km/h sorgten dafür, dass der heftige Regen über der Landeshauptstadt Düsseldorf waagerecht durch die Straßen getrieben wurden. Die Bilanz am Morgen danach ist verheerend: Abgedeckte Häuser, blockierte Straßen, unter Bäumen begrabene Autos – und sechs Tote, in Düsseldorf, Köln und Essen.

In der Landeshauptstadt Düsseldorf kamen drei Menschen ums Leben. Wie örtliche Medien unter Berufung auf die Feuerwehr berichteten, starben sie, als ein Baum auf ein Gartenhaus stürzte, in dem sie Schutz gesucht hatten. Demnach wurden bei dem Unglück auch mehrere Menschen verletzt. Die Düsseldorfer Feuerwehr warnt die Bevölkerung vor herabstürzenden Dachteilen oder Astwerk und rät, das Haus nur zu verlassen, wenn es wirklich notwendig ist.

Umgestürzte Bäume, herabgefallene Äste und Blätter soweit das Auge reicht: Auch die Straßen und Bürgersteige in Essen waren selten so grün wie an diesem Dienstag. Vor allem Berufspendler bekommen die Nachwehen des Unwetters zu spüren: Der Nahverkehr ist am Morgen komplett eingestellt, am späten Vormittag fahren zumindest drei U-Bahn-Linien wieder und Busse je nachdem, ob wieder ein Durchkommen ist.

Aus Essen rauszukommen bleibt aber weiterhin fast unmöglich. Am Hauptbahnhof fährt kein Zug ab. Die Hauptstrecken nach Dortmund und ins Rheinland bleiben auch am Mittag gesperrt. Im Bahnhof richten sich viele Fahrgäste auf einen längeren Aufenthalt ein, auf Handtüchern und Decken liegen sie in den Gängen, während sich vor dem Info-Schalter teilweise eine Schlange bis auf den Vorplatz bildet.

Die Bahn gibt Taxischeine aus - doch die Fahrer wollen lieber Bares oder fahren den Bahnhof erst gar nicht an. Weit käme man mit dem Taxi ohnehin nicht, auf den Autobahnen im Ruhrgebiet gibt es kilometerlange Staus. Insgesamt gab es um acht Uhr am Morgen allein auf den NRW-Straßen über 270 Kilometer Stau.

In Köln wurde ein Radfahrer von einem umstürzenden Baum erschlagen. Wie die Polizei mitteilte, zog sich der etwa 50-jährige Mann „schwerste Verletzungen zu, denen er noch am Unglücksort erlag". Der etwa 20 Meter hohe Baum wurde demnach vermutlich von einem Blitz getroffen.

Kommentare zu " Millionenschäden in NRW: Nach dem Unwetter ist vor dem Unwetter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zitat : Nach dem Unwetter ist vor dem Unwetter

    - bei dem Unwetter in NRW hat sich wieder mal bestätigt, welche Loser, insbesondere vom GEZ-TV, uns das tägliche Wettermärchen, umhüllt in Show und Witz, präsentieren !

    Die Wettervorhersage sollte man abschaffen : denn mehr als die Vorhersager lügen nur noch Politiker !

    Und das alles noch für unsere Gebühren .....

    wir werden abgezockt und belogen !


    .

  • @Europäer
    Auch Sie werfen Nebelkerzen mit Ihrer Betrachtung. Außerdem bringen Sie wieder den Gesamtzusammenhang ins Gespräch, während ich den Anteil Deutschlands betrachtet habe, der ohne jede Bedeutung ist. Sie haben ebenfalls vergessen, dass bereits seit 15 Jahren keine Erderwärmung mehr stattfindet, was von der UNO auch eingestanden worden ist, und das bei steigendem CO2-Gehalt in der Luft.
    Inzwischen muss man sich von dem Zusammenhang von CO2 und Erderwärmung wohl verabschieden. Da sind die Zig-Milliarden € wohl vergeblich verbraten worden.

  • @conforma; Sie lenken vom Thema ab. Es geht nicht darum, natürliche Klimaschwankungen in den Griff zu bekommen. Die verlaufen, nach menschlichen Maßstäben, sehr langsam und ändern können wir sie eh nicht.

    Es geht darum, den anthropogenen Klimawandel zumindest einzuschränken. Knapp 1°C in 100 ist gegenüber natürlichen Klimaschwankungen schon üppig und der Effekt wird sich eher beschleunigen als verlangsamen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%