Mit dem Hammer im Wutraum Zuflucht für gestresste Manager

Hemmungslos den Ärger rauslassen: Ein Wutraum macht's möglich. Wer hier ein komplett eingerichtetes Zimmer bucht, darf alles darin kurz und klein schlagen. Harmloser Spaß oder ein Einfallstor für Gewalt?
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Hier lässt sich ordentlich was zertrümmern. Quelle: dpa
Wutraum München

Hier lässt sich ordentlich was zertrümmern.

(Foto: dpa)

MünchenEin schmuckloses Hinterhofgebäude im Münchner Westen. Darin ein Büroraum. Grau, ungemütlich, spartanisch. Wohlfühlen soll sich hier niemand - das karge Zimmer ist ein Wutraum. Die Aufgabe: alles in 30 Minuten kurz und klein schlagen. Die Mittel: Baseball-Schläger und ein Vorschlaghammer. Das Ziel: Stressabbau, Entspannung und Spaß - behauptet der Veranstalter. Das Gefühl: durchwachsen und neugierig. „Sie kommen auf jeden Fall mit einem lachenden Gesicht raus, mit einem Glücksgefühl“, verspricht Hartmut Mersch, der den Wutraum Anfang März eröffnet hat.

1. Die Hemmschwelle

Wer gelernt hat, Gefühle im Zaum zu halten, macht nichts mutwillig kaputt. Nicht Computer, Telefone und Fernseher. Auch Tassen, Regale und Sofas schlägt man eigentlich nicht kurz und klein, weil man gerade Lust dazu hat. Der Baseballschläger liegt schwer in der Hand. „Die Hemmschwelle fällt nach ein paar Schlägen“, erklärt Mersch.

Die zehn merkwürdigsten Angstmacher
Clinophobie: Angst, ins Bett zu gehen
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Wird es Abend, ergreift die Müdigkeit den Körper und die Clinophobiker beginnen zu zittern. Nicht aus müdigkeitsbedingter Schwäche. Sondern aus Angst davor, ins Bett zu gehen. Tag für Tag kämpfen sie dagegen. Für die meisten ist es der kuscheligste Moment des Tages. Für Menschen mit Clinophobie ist es eine grausame Vorstellung. Kinder glauben, ein Monster unter ihrem Bett zu haben. Erwachsene haben Angst davor, nie wieder aufzuwachen.

Quellen: Andrea Ege, Journalistin und PR-Expertin in „Die ganze Welt von 1 bis 10“/ zehn.de

Alliumphobie: Angst vor Knoblauch
2 von 10

So vergrault man nicht nur Vampire: Es ist unangenehm, mit jemandem zu reden, der aus dem Mund nach Knoblauch riecht. Doch noch unangenehmer ist es, wenn man sich allein vor der Knoblauchknolle fürchtet. Mit dem Anblick und dem Geruch – egal, ob aus dem Mund oder woher dieser sonst gerade kommt – kommen diese Menschen einfach nicht klar. Nicht selten graust es Alliumphobikern nicht nur vor Knoblauch, auch ganz normalen Zwiebeln gehen sie mehr als gerne aus dem Weg.

Chaetophobie: Angst vor Haaren
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100.000 bis 150.000 Haare schmücken – mehr oder weniger – die Menschen. Täglich verlieren sie davon rund 60 bis 100 Stück. Jedes einzelne, egal an welchem Körperteil oder wo auf dem Boden liegend, versetzt Chaetophobiker in Panik. Friseursalons sind für sie ein moderner Auswuchs der Hölle. Jeder Schopf auf jedem Kopf ein monströses Ödem. Kahlköpfe haben sie deshalb am liebsten.

Ouranophobie: Angst vor dem Himmel
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Der Horizont der von Ouranophobie geplagten Menschen beschränkt sich auf den Asphalt unter den Füßen. Draußen nach oben schauen geht gar nicht. Denn der Himmel ist angsteinflößend. Und versetzt sie in panische Angst. Jeder Innenraum erscheint wie ein Paradies – am liebsten ohne Fenster.

Apotemnophobie: Angst vor Personen mit Amputationen
5 von 10

Es ist furchtbar für Menschen, wird ihnen ein Körperteil amputiert. Genauso schlimm empfinden es Apotemnophobiker. Sie ertragen den Anblick eines nicht kompletten Körpers nicht. Ganz gleich wie lieb, nett und attraktiv ihr Gegenüber trotz des Handicaps ist. Meist sind sich diese Phobiker durchaus bewusst, dass von einer Person mit Amputation keine Gefahr aus geht. Nichtsdestotrotz sitzt ihnen die Angst vor ihnen im Nacken. Gleichzeitig graust es Apotemnophobikern natürlich – wie den meisten anderen Menschen – vor der Entfernung eines Körperteils.

Geniophobie: Angst vor dem Kinn
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Je kleiner das Kinn eines Menschen ist, desto besser besser ist es für Geniophobiker. Menschen mit Doppelkinn? Der absolute Schreck. Während Studien ergaben, dass Frauen Männer attraktiver finden, je kantiger ihr Kinn ist, tendieren weibliche Geniophobiker eher ins Gegenteil. Oder verlieben sich in Männer mit Vollbart.

Aulophobie: Angst vor Flöten
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Ein harmloses Instrument, dennoch jagt es einigen Menschen Angst und Schrecken ein: die Flöte. Aulophobiker wollen keine Flöte sehen und reagieren mit Angstschweiss auf den ersten Ton. Der Höhepunkt wäre wahrscheinlich erreicht, wenn sie es nicht nur sehen und hören, sondern auch noch berühren müssten. Sicher erinnert sich der eine oder andere auch mit Panik an den früheren Flötenunterricht.

Also durchatmen, ausholen und Bäng! Eine Tasse zersplittert. Bäng! Der zweite Becher in Scherben. Die Schläge auf die Computertastatur sind schon sicherer. Schwarze Tastenteile wirbeln durch die Luft, wenig später hat der Schreibtisch eine Delle.

Das macht Spaß - und doch wieder nicht. „Die Hemmschwelle bedeutet, dass man soziale Kompetenzen hat, dass man gelernt hat, Sachen wertzuschätzen“, sagt der Lübecker Psychologe Laszlo A. Pota. „Eine Überwindung und Zerstörung von Sachen, die andere geschaffen haben, ist eine Grenzüberschreitung sich selbst, aber auch anderen gegenüber.“

2. Die Möbel

Trotzdem weiter - wer will schon aufgeben? Mit einem ohrenbetäubenden Rumms saust der Hammer auf den Schreibtisch, immer wieder. Das Holz splittert, es ächzt und kracht, bis das schwarze Möbelstück zusammenbricht. Der Hammer wiegt schwer, in den Armen zieht es schon ein bisschen. Und da ist ein Gedanke: Sicher gibt es Menschen, die sich über die ausrangierten Möbel freuen würden, die vor allem aus Wohnungsauflösungen stammen.

Doch Martina Kreis von der Inneren Mission München beruhigt: „Es herrscht ein unglaubliches Angebot“, sagt die Leiterin der Gesellschaft Diakonia Secondhand in München. „Eiche rustikal kann ruhig zerschlagen werden, das bringen wir auch zur Entsorgung.“ Alten Trödel braucht keiner mehr. „Auch Menschen mit kleinem Geldbeutel sollten sich bei uns ein Möbelstück kaufen können, das wirklich schön ist.“

Allerdings: Da sind diese Sammeltassen. Kitschig. Aber vielleicht Lieblingsstücke eines alten Ehepaares, das daraus immer seinen Morgenkaffee trank? Und die nun, nachdem beide tot sind, als Ramsch der Zerstörung preisgegeben sind. Respekt oder übertriebene Sentimentalität?

„Gewalt ist immer ein Zeichen von Hilflosigkeit“

3. Der Rausch

Angeblich kommt irgendwann der Rausch - der Drang, alles kurz und klein zu hacken, befeuert von passender Musikdröhnung und vielleicht manchen Gedanken: an Arbeit, Kollegen, untreue Geliebte oder verständnislose Ehepartner. „Man hat auf jeden Fall eine Adrenalinausschüttung. Ich würde es vergleichen mit anderen verrückten Sachen wie Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen“, meint Mersch. „Man ist da wirklich in einem Rauschzustand und hat danach ein Glücksgefühl.“

Weltpartytag am Karfreitag
Tag der Jogginghose
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Vier Österreicher werben seit 2009 auf Facebook für den Jogginghosentag. Sie rufen jedes Jahr am 21. Januar zum öffentlichen Schlabber-Look auf.

Weltknuddeltag
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Am 21. Januar ist auch „National Hugging Day“. Der US-Pastor Kevin Zaborney aus Michigan forderte die Menschen vor fast 30 Jahren erstmals auf, sich am Weltkuscheltag zu drücken. Wildfremde Menschen fallen sich seitdem immer wieder in die Arme.

Tag der Feuchtgebiete
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Umweltschützer machen am 2. Februar auf die Bedeutung von Mooren und Flussufern als Nahrungs- und Wasserreserven aufmerksam. Der Tag erinnert an die Unterzeichnung einer Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten 1971 im Iran.

Tag der männlichen Körperpflege
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Ab unter die Dusche, Männer! Am 3. Februar ist Waschtag für die Herren. Der Tag stammt ab vom „National Men's Grooming Day“, 2007 ausgerufen von der US-Kosmetikindustrie.

Tag der Tiefkühlkost
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Fischstäbchen-Freunde merken sich den 6. März: Am „Tag der Tiefkühlkost“, 1984 offiziell von US-Präsident Ronald Reagan als „National Frozen Food Day“ ausgerufen, gibt's dann das Leibgericht mit Tiefkühl-Spinat und danach ein Eis.

Tag der verlorenen Socke
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Kleidungschaoten dürfen am 9. Mai den immer wiederkehrenden Verlust einzelner Socken feiern und sich von verwaisten Restexemplaren würdevoll verabschieden.

Tag des Schlafes
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Seit dem Jahr 2000 macht eine Initiative mit der bundesweiten Aktion „Tag des Schlafes“ jährlich am 21. Juni auf Schlafstörungen und -erkrankungen aufmerksam.

Rauschzustand: ja. Eine Arbeit mit eigentümlichem Reiz, die man zu Ende bringen will. Unter den Schuhen knirschen Glasscherben, Nägel ragen aus den Resten von Brettern, feiner Staub wabert in der Luft. Erschreckend, wie leicht Zerstören geht, auch wenn immer mehr Muskeln zu spüren sind. Mach die Möbel fertig!

Stress im Alltag, laut Mersch ein Hauptgrund, warum Kunden für 139 Euro bei ihm buchen. „Jeder kennt's, da hängt der Kopierer wieder, Papierstau. Und dann kann man endlich das Ganze bereinigen, auf andere Art.“ Ganz nach dem Motto: Gib's dem Computer - und denk dabei an die nervige Steuererklärung.

4. Der Stressabbau

Der Wutraum als Zuflucht für gestresste Manager. Bei Mersch buchen auffällig viele Frauen. Der „Rageroom“ in Budapest hat sogar ein eigenes Paket im Programm: Angry Housewife - wütende Hausfrau. Für knapp 15 Euro Porzellan zerdeppern wie im Film. Oder „Schlechte Party“: ungehemmt austoben zwischen Flaschen und Gläsern. Ob das echt Stress besiegt und friedlicher stimmt?

„Die alte Katharsis-Hypothese, die besagt, Menschen könnten Aggression durch Ausleben von Aggression mindern, stimmt schon lange nicht mehr“, meint der Wutforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld. Da ist er sich mit Pota einig, der viel mit aggressiven Jugendlichen gearbeitet hat.

„Gewalt ist immer ein Zeichen von Hilflosigkeit“, sagt Pota. „Ärger und Wut machen krank, verursachen Stress.“ Wer zuschlage und sich danach gut fühle, mache das möglicherweise immer wieder - womöglich außerhalb des Wutraums, im normalen Leben. Sein Tipp: Ärger nicht runterschlucken, sondern nach Ursachen suchen und Lösungen finden.

Gemeinsames Zerstören verbindet

5. Das Glücksgefühl

Ob zerstören also glücklich macht? Vielleicht die Männer und Frauen, die hier Junggesellenabschied feiern. Zwei schlagen los, die anderen sitzen mit Drinks an der Bar und verfolgen das Spektakel auf zwei Monitoren. Und was ist mit denen, die von der Liebe träumen und das Paket „Erstes Date“ buchen? Romantisches Abendessen bei Kerzenschein und dann: „Sendepause und ihr legt so richtig los“, heißt es auf der Internetseite. Loslegen womit? Nicht mit zarter Annäherung, sondern mit der Keule.

Gemeinsames Zerstören verbindet, glaubt Mersch. „In Extremsituationen ist ja bewiesen, dass man sich da eher aneinander ranschmeißt.“ Das sei kreativer, als immer wieder der gleiche Italiener, findet der 35-Jährige aus der Oberpfalz, der sich selbst als friedfertig beschreibt. Doch egal, ob Spaßparty, Liebestreff oder Einzel-Zerstörungsorgie: Für Mersch und seine Mitarbeiter fängt die Arbeit danach erst richtig an: Gut zwei Stunden dauert es, bis sie das Chaos beseitigt und ein Zimmer wieder neu eingeräumt haben.

6. Das Fazit

In den USA gibt es das Konzept schon länger, der erste Wutraum in Deutschland ist in Halle/Saale. Das Ziel ist gleich: totale Verwüstung. Doch was bleibt außer einem Haufen Müll? Die Muskeln ziehen, der Mund ist trocken und der Geist völlig erschöpft von dem ungewohnten Gewaltausbruch. Das einzige Sehnsuchtsziel an diesem Abend: das Sofa. Nichts hören, sehen und schon gar keinen Stress. Bereitschaft, sich aufzuregen: Nullkommanull. Mersch bringt das merkwürdige Erlebnis so auf den Punkt: „Im Schnitt ist das Zimmer in 30 Minuten verwüstet und man selbst auch am Ende.“

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