Mit der Webcam zu Reichtum
Essen und Geld verdienen

Der Ruhm und Reichtum von Youtube-Stars ist Ihnen befremdlich? Dann schauen Sie mal nach Südkorea. Dort verdienen junge Menschen mehr Geld als ihre Eltern, indem sie sich vor die Webcam setzen und einfach nur essen.
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SeoulJeden Abend bestellt der 14-jährige Kim Sung Jin gebratenes Hühnchen, Pizza oder chinesisches Essen, um es in einem kleinen Raum im Haus seiner Familie südlich von Seoul zu verspeisen. Er schlägt sich den Bauch voll und chattet dabei über eine Webcam mit Hunderten, manchmal sogar Tausenden anderen Teenagern, die ihm zusehen. Und damit verdient Kim sogar richtig Geld: Seine erfolgreichste Episode brachte ihm zwei Millionen Won (knapp 1500 Euro).

Seinen Zuschauern ist er unter dem Künstlernamen Patoo bekannt, der magere Teenager ist einer der jüngsten Akteure bei Afreeca TV, einer App für Live-Übertragungen im Internet, die seit 2006 auf dem Markt ist. Seit er elf ist, überträgt sich Kim beim Essen nahezu jeden Abend. Manchmal lädt er Freunde dazu ein. Manchmal setzt er sich eine blonde Perücke auf und verkleidet sich als Frau. Und immer interagiert er mit dem Publikum, stellt ihnen Aufgaben und bekommt von ihm Nachrichten.

Das Internet bringt seit Jahren Stars hervor, egal ob Blogger oder Computerspieler, die vor Millionen von Youtube-Zuschauern zocken und daddeln. Doch dass junge Menschen stundenlang jemandem beim Essen zuschauen, wirkt für viele noch immer befremdlich. Nicht so in Südkorea, wo Afreeca TV einer der Big Player in der Internet-Subkultur und ein entscheidender Teil des sozialen Lebens von Teenagern ist. 

Shows wie die von Kim werden „Meok Bang“ genannt, ein Kunstwort aus den koreanischen Ausdrücken für Senden und Essen. Sie zählen zu den erfolgreichsten der rund 5000 Shows, die rund um die Uhr zeitgleich bei Afreeca TV laufen.

Kim wollte eigentlich nur jemanden finden, mit dem er gemeinsam essen konnte. Seine Eltern arbeiteten in einer Stadt, die Großeltern aßen so früh zu Abend, dass er später oft noch Hunger hatte. Dank der Show esse er wesentlich regelmäßiger zu Abend – meist nach 22 Uhr. Zudem macht sie ihm jede Menge Spaß. „Die Menschen sagen mir auf der Straße „Hallo“. Dabei bin ich nur ein einfacher Drittklässler an der Mittelschule“, sagt er. „Ich tue, was ich will. Das ist der Vorteil von einer eigenen Sendung.“

Viele sehen einen Grund für die Popularität von „Meok Bang“ darin, dass immer mehr Menschen in Südkorea alleine leben – und Essen in Gesellschaft hat einen starken sozialen Aspekt. „Auch wenn es online ist, wenn jemand beim Essen erzählt, klingen die gleichen Wörter doch wesentlich intimer“, sagt Ahn Joon Soo, Manager bei Afreeca TV. Er verweist darauf, dass es in Südkorea üblich ist, sich von Freunden mit den Worten zu verabschieden: „Lass uns das nächste Mal gemeinsam essen“ – auch wenn es meist nicht wörtlich gemeint ist.

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