Mord bei Live-Übertragung
Der Tag danach

Die Bilder vom Tod ihrer Kollegen gingen live über den Sender. Einen Tag später wirkt die Belegschaft des US-Kanals WDBJ immer noch schwer angefasst: Trotzdem versucht sie, ihre Arbeitsroutine abzurufen.
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MonetaTrauerarbeit: Einen Tag nachdem zwei ihrer Kollegen bei einem Interview vor laufender Kamera erschossen wurden, hat die Belegschaft des US-Fernsehsenders WDBJ-TV ihre wohl schwierigste Sendung gemeistert. Die „Mornin'“-Show begann am Donnerstag mit einer Schweigeminute für die 24-jährige Reporterin Alison Parker und ihren Kameramann, der 27 Jahre alte Adam Ward. Die Moderatoren hielten sich die Hände, Bilder der Getöteten wurden gezeigt.

Am Mittwoch hatte ein früherer Journalist des Senders im US-Staat Virginia seine Kollegen in einem Live-Interview erschossen, sich dabei gefilmt und die Bilder ins Internet gestellt. Auf der Flucht vor der Polizei schoss er sich selbst an. Er starb später im Krankenhaus.

Moderatorin Kim McBroom, in deren Sendung der Mord geschah, hatte auch die Show am Donnerstagmorgen übernommen. „Sich hier am Desk die Hände reichen, ist der einzige Weg es zu tun“, sagte sie.

Wetter-Präsentator Leo Hirsbrunner gestand mit bebender Stimme: „Ich weiß nicht einmal, wie ich an solch einem Tag das Wetter ansagen soll.“ Fast jeden Morgen habe er Ward am Eingangsschalter getroffen, der ihn nach dem Wetter gefragt habe, erinnerte er sich. „Guter Job Partner“, sagte McBroom, nachdem er es hinter sich gebracht hatte.

In der Sendung berichtete WDBJ-TV natürlich auch über den Doppelmord und den Täter Vester Lee F. II, der unter dem Namen Bryce Williams für den Sender gearbeitet hatte. Unter diesem Namen kursierte in Sozialen Netzwerken ein 56 Sekunden langes Video. Darauf ist zu sehen, wie sich F. mit einer Pistole in der Hand schweigend Parker und Ward nähert und dann leise fluchend wartet, weil Ward mit seiner Live-Kamera gerade einen Minigolfplatz filmt. Erst als der Kameramann nach etwa 20 Sekunden wieder auf Parker zurückgeschwenkt hat, eröffnet F. das Feuer.

Für seine Tat hatte er sich ein Auto gemietet, sein Privatwagen stand am Flugplatz, wie der Sheriff des Bezirks Franklin sagte. WDBJ hatte die Sendung an einem abgelegenen See in Moneta über Twitter angekündigt.

F. hatte von 2012 bis 2013 für WDBJ gearbeitet, wie der damalige Nachrichtenchef Dan Dennison sagte. Grund für die Entlassung sei im Wesentlichen F.s Arbeitsweise gewesen. F. klagte nach seiner Entlassung. Die Klage gegen den Sender wurde aber vor gut einem Jahr abgewiesen.

F. hatte auf Twitter erklärt, Parker habe sich rassistisch über ihn geäußert; Ward habe ihn angeschwärzt. Auch andere Kollegen seien gegen ihn als Schwarzen ausfällig geworden. Dennison sagte, F.s Vorwürfe seien untersucht worden, es habe sich jedoch kein Beweis dafür gefunden.

Drei Stunden nach den Schüssen gab der Sender ABC News bekannt, er habe per Fax eine 23 Seiten lange Stellungnahme von jemandem erhalten, der sich Bryce Willams nenne. Dieser beschrieb sich als schwulen Schwarzen, der von Menschen jeder Herkunft schlecht behandelt worden sei. Nach dem Massaker in einer von Schwarzen besuchten Kirche in Charleston Mitte Juni habe er sich eine Waffe gekauft, um sich für diesen rassistischen Mord zu rächen.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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