Mutmaßlicher Attentäter
Verirrter Krimineller oder eiskalter Terrorist?

Mohammed Merah war seit Jahren kriminell, galt aber als harmlos. Nach dem mutmaßlichen Mord an sieben Menschen zeichnet sich das Bild eines gut ausgebildeten Terrorhelfers ab - der viele Fragen aufwirft.
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ParisSchon am Nachmittag haben die französischen Medien und Sicherheitsexperten begonnen, die Frage nach Ermittlungspannen zu stellen. Tatsächlich zählte Mohammed Merah zu der sehr überschaubaren Zahl von Djihadisten, von denen bekannt ist, dass sie in Trainingslagern der Terroristen an der afghanisch-pakistanischen Grenze waren. Merah, das wusste die Polizei, hielt sich zwischen 2010 und 2011 sogar zweimal mehrere Monate lang dort auf. Außerdem war von seinem älteren Bruder bekannt, dass er ein Anhänger der Salafisten, der fundamentalistischen Sunniten ist.

Merah passte also perfekt in das Schema des "Schläfers", des gut ausgebildeten Terrorhelfers, der sich in einem westlichen Land aufhält und jederzeit für einen Anschlag aktiviert werden kann. Die Ermittlungsbehörden gaben am Mittwochnachmittag sogar an, er sei überwacht worden. Doch sie dementierten sich selber mit der Aussage, dass sie nicht wussten, wo er sich aufhielt: Nachdem man durch die IP-Adresse des Computers seiner Mutter eine Verbindung zwischen ihm und dem ersten Mordfall gefunden habe, sei man auf das Problem gestoßen, dass sein Aufenthaltsort unbekannt war.

Der französische Sicherheitsexperte Heisbourg machte den Behörden seines Landes ernste Vorwürfe: In Frankreich gebe es allenfalls 20 bis 25 extrem gefährliche Djihadisten mit dem Profil von Merah. Es sei absolut unerklärlich, wieso er nicht ständig überwacht wurde und sein Aufenthaltsort unbekannt war. Die zweite große Frage ist, ob Merah tatsächlich alleine handelte, wie die Polizei behauptet. Der Staatsanwalt erläuterte, es handele sich um den "seltenen Fall eines atypischen, selbstradikalisierten Salafisten".

Er habe auf eigene Faust agiert, sei auch nicht über die bekannten Schleuserorganisationen, sondern völlig selbstständig in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereist. Dem stehen Informationen entgegen, wonach sein Bruder ihn an djihadistische Netzwerke herangeführt habe. Auf diese Weise sei aus dem gewöhnlichen Kleinkriminellen, der wegen Diebstahls- und Körperverletzungsdelikten mehrfach verurteilt wurde, ein Anhänger des "Heiligen Krieges" geworden.

Auch die Umstände der letzten Wochen werfen die Frage auf, ob Merah wirklich ein Einzeltäter war. Er lebte von Sozialhilfe, verfügte aber dennoch über ausreichende finanzielle Mittel, um mehrere Wochen lang zwei Leihwagen zu mieten, ein ganzes Arsenal von Kriegswaffen samt Munition anzuschaffen und mehrere Wohnungen zu unterhalten. Es liegt auf der Hand, dass ihm von irgendeiner Seite zumindest finanzielle Unterstützung gewährt wurde - wenn nicht mehr.

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Politische Schlammschlacht, aber auch Zeichen der Hoffnung

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  • Ein Hoch auf Claudia Fatima Roth- 2050: Kölner Dom wird zur Moschee. Der da oben ist doch nur ein Facharbeiter, der uns alle kulturell bereichert und jetzt ein wenig, weil er eine harte Kindheit hatte, am Rad gedreht hat. Ironie off.

  • "Auf diese Weise sei aus dem gewöhnlichen Kleinkriminellen, der wegen Diebstahls- und Körperverletzungsdelikten mehrfach verurteilt wurde, ein Anhänger des "Heiligen Krieges" geworden."

    Wie sein Idol!

  • ja das frage ich mich auch...

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