Nach dem Erdbeben
Banges Warten auf die ersten Heimkehrer

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FrankfurtAcht Stunden hat Tokio-Heimkehrer Michael Merkens am Samstag ungewollt die Nerven seiner Eltern strapaziert.

Der 22-jährige IT-Administrator und seine Freundin kommen einen Tag früher als geplant aus ihrem Japanurlaub zurück. „Sind sie auf dem Flieger?“, fragen sich Merkens Eltern, ein Kölner Ehepaar, besorgt und bangen um das junge Pärchen. Der Airbus A380 der Lufthansa sollte um 14.00 Uhr in Frankfurt landen, als er endlich ans Gate rollt, ist es 20.59 Uhr am Samstagabend. Bis die Urlauber ihre Koffer haben, vergeht eine weitere Stunde. Dann schließen sich die vier in die Arme.

Am Freitagabend deutscher Zeit hatte die Familie das letzte Mal telefoniert. Ihnen sei von der Lufthansa ein Platz auf dem Samstagflieger zugesichert worden, teilten die beiden 22-Jährigen dem Kölner Ehepaar mit. „Das war unser letzter Kontakt“, erzählt die Mutter, die gemeinsam mit ihrem Mann sei Samstagnachmittag auf dem Frankfurter Flughafen ausharrt und mit Unruhe die große Verspätung registriert. „Niemand kam rechtzeitig raus zum Flughafen Narita“, berichtet der junge Mann nach der Ankunft. „Die Passagiere nicht und auch nicht unsere Crew.“

Über 400 Reisende transportierte der Riesenvogel A380 dann von Tokio-Narita nach Frankfurt, rund 100 Plätze blieben leer. Niemand der Passagiere - darunter auch viele Japaner - wussten bei ihrer Ankunft auf dem Rhein-Main-Airport, dass Teile des Atomkraftwerks in Fukushima, etwa 250 Kilometer nördlich Tokios, in die Luft geflogen waren.

Die vom einem Nachbeben ausgelöste Explosion auf dem Reaktorgelände mit möglicherweise katastrophalen Folgen geschah, während der Airbus schon im oberen Luftraum über Japan war. „Eine schlimme Überraschung“, sagt Michael Merkens. „Obwohl genau das im Mittelpunkt unserer Überlegungen stand.“ Das junge Pärchen hatte nach dem Erdbeben gemeinsam die Alternativen abgewogen. „Noch einen Tag Urlaub, wenn man das überhaupt so nennen könnte“, sagt Merkens. „Oder womöglich Zeuge eines GAUs zu werden.“

Das Hauptbeben am Freitag erlebte das Pärchen am Freitag auf einem verkehrsreichen Platz mitten in Tokio. „Niemand konnte mehr geradeaus laufen, die Menschen stürzten aus den Häusern heraus.“ Viele der Heimkehrer am Samstag blieben zuvor einen Tag lang in ihrem Hotel und verfolgten im japanischen Fernsehen oder auf englischsprachigen Sendern die Nachrichten.

„Vielleicht 20 Kanäle, und alle dokumentierten die Katastrophe“, berichtet der tschechische Ingenieur Jaromir Mikulemka. In Frankfurt landete der 44-Jährige ungeplant, eigentlich wollte er über Wien nach Prag fliegen. „Die Japaner waren immer noch bewundernswert gut organisiert“, sagt Mikulemka. „Mein Hochgeschwindigkeitszug fuhr am Freitag planmäßig von Kioto nach Tokio.“ Züge nach Narita raus sind gewöhnlich 40 Minuten unterwegs, aber die Passagiere des Airbus berichten, die Bahnen seien nicht gefahren. „Mit dem Taxi habe ich Stunden gebraucht“, erzählt der Prager. „Sechs Stunden, um genau zu sein“, sagt die Ulmerin Heidi Baudermisska. Die 56-Jährige war auf einer Vortragsreise in Japan. Als sich das Beben ereignete, stand Baudermisska am Pult. „Ich deutete gerade mit dem Pointer auf ein Schaubild, traf aber nichts mehr.“

Am Samstagabend landete auch die Japanerin Satoka Matsui mit ihrer Mutter in Frankfurt. Die 32-Jährige besucht ihre Schwester in Duisburg. Liebevoll begrüßt die Tokioerin ihre beiden Nichten, die kleinen Zwillinge Toka und Towa. Von der Explosion in Fukushima erfährt Satoka jetzt auf dem Flughafen. In zwei Wochen wollte sie mit ihrer Mutter wieder zurückfliegen. Ganz kann sie die Tränen nun nicht zurückhalten. „Ich hoffe, es bleibt dabei“, sagt Satoka.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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