Nach dem Erdbeben in China
Freiwillige Helfer behindern Rettungsarbeiten

Freiwillige Helfer strömen zu Hunderten ins Erdbebengebiet und behindern damit die Arbeit der Profis. Dabei ist die ein Wettlauf gegen die Zeit: Wegen der zerstörten Infrastruktur kommen die Helfer nur langsam voran.
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PekingÄchzend schleppen die Rettungskräfte ihre schweren Rucksäcke Stück für Stück den steilen Hang hinauf. Langsam kämpfen sie sich über die Hügel im Südwesten Chinas. Dicht gedrängt mit ihren orangen Schutzanzügen wirken sie wie eine bunte Schlange, die sich ihren Weg durch das beschwerliche Gelände bahnt. Sie müssen sich beeilen, denn jede Minute zählt. Das wiederholt der Nachrichtensprecher im chinesischen Fernsehen wieder und wieder.

Das Erdbeben am Samstagmorgen hat etliche Straßen verschüttet, Wasser und Stromleitungen sind gekappt. In der Gemeinde Lushang direkt am Epizentrum sind viele Häuser zerstört. Einen Überblick gibt es noch nicht. Doch das Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der humanitären Hilfe (OCHA) schätzt, dass am Ort Longmen unmittelbar am Epizentrum 99 Prozent der Häuser vernichtet sind.

Aber viel schlimmer ist, dass die Hilfe so spät kommt. Manche Orte sind vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Die großen Rettungsfahrzeuge kommen nicht durch. Zu Fuß müssen die Einsatzkräfte Werkzeuge, Medikamente und Lebensmitteln zu den Dörfern bringen. Die Hilfe ist nicht leicht zu koordinieren, denn die Handynetze sind noch an einigen Stellen kaputt, wie chinesische Medien berichten.

Eine Bewohnerin des Dorfes Wangjia berichtet von Häusern, die durch das Beben zusammengefallen sind. Keine Hilfe von außen habe sie erreicht, sagte sie Reportern der Zeitung „South China Morning Post“. Ein kleines Lager sei für die etwa 20 Babys und Kinder eingerichtet worden. „Wir verlangen nicht viel, nur Wasser für unsere Babys.“

Und manchmal sind es ausgerechnet freiwillige Helfer, die die Rettung behindern. Schockiert von den Bildern aus dem Fernsehen, sind im ganzen Land Menschen zur Unglücksprovinz Sichuan aufgebrochen - oft ohne jede Ahnung, was und wie sie dort helfen wollen.

Etwa 300 Menschen trafen laut einem Bericht einer lokalen Zeitung am Sonntag in dem besonders betroffenen Ort Longmen ein. Aber sie hatten nicht mal Essen oder Wasser für sich selbst dabei. Ganz zu schweigen von Werkzeugen oder anderen Rettungsgeräten. Freiwillige Helfer auf dem Weg in die Unglücksregion produzierten zwischenzeitig einen kilometerlangen Stau auf einer Autobahn in die Region.

Sogar Chinas Staatsrat sah sich zum Handeln gezwungen und gab eine öffentliche Erklärung ab. Darin wurde die Bedeutung der Rettungsarbeiten betont. Weiter heißt es: „Außer den Rettungskräften sollen derzeit keine Freiwilligen, Touristen oder andere Leute in die Katastrophengebiete reisen.“

Ein Katastrophenexperte geht noch einen Schritt weiter: „Die Freiwilligen machen alles noch schlimmer“, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er stehe im engen Kontakt mit den Helfern in der Region. Das Gelände dort sei sehr schwer zugänglich und erfordere eine gute Ausbildung und die passende Ausstattung. „Die professionellen Rettungstrupps sind ausreichend.“

Im Radio rief ein Einsatzleiter die Freiwilligen dazu auf, lieber zu Hause zu bleiben. Derzeit sollten Profis die Arbeit vor Ort übernehmen. Aber wenn die erste Zeit überstand sei, werde jede Hand für den Wiederaufbau benötigt.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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