Nach dem Erdbeben
Italien sucht nach den Schuldigen

Nach dem verheerenden Erdbeben sucht Italien nach den Schuldigen. Während die Zahl der Opfer weiter steigt, plant Regierungschef Silvio Berlusconi, Anreize für bessere Bauweise zu schaffen.

MAILAND. „Ein solches Erdbeben hätte in Kalifornien nicht einen einzigen Toten gebracht.“ Franco Barberi, Professor und Vizepräsident des italienischen Krisenausschusses, spricht aus, was viele Menschen denken. Wie kann es sein, dass ein Beben mit 5,8 Grad auf der Richterskala solch verheerende Auswirkungen hat? „Hier sind auch die neuen Häuser zusammengestürzt“, muss auch der Bürgermeister der Stadt L'Aquila angesichts der verheerenden Folgen des Erdbeben in der Nacht zu Montag feststellen.

Das Beben mit dem Epizentrum in der Nähe von L'Aquila in der mittelitalienischen Region Abruzzen hat viele Gebäude komplett zerstört. Die Zahl der Toten ist auf mehr als 200 angestiegen, und Nothelfer suchten gestern noch nach Verschüttenen. Doch die Suche nach den Schuldigen hat bereits begonnen.

Vor allem Schlamperei am Bau ist wohl mitverantwortlich dafür, dass ein starkes, aber nicht extremes Beben so viele Tote verursacht hat. Auch ein Krankenhaus ist eingestürzt; die Kranken mussten in Hubschraubern nach Rom ausgeflogen werden oder die Nacht am Tropf in Notzelten verbringen. „Es ist absurd, dass das Krankenhaus in L'Aquila so beschädigt ist, dass es unbegehbar wird“, sagt Paolo Rocchi, auf die Befestigung historischer Gebäude spezialisierter Professor der Universität La Sapienza in Rom, der auch an der Rekonstruktion der Basilika in Assisi beteiligt war, die vor zwölf Jahren bei einem Erdbeben in Umbrien eingestürzt war.

„Wenn es stimmt, dass auch jene Gebäude, die nach den neuen statischen Normen gebaut sein sollten, unerklärlichen Schaden genommen haben, dann haben wir ein Problem mit der Qualitätskontrolle der Konstruktionen. Das gilt vor allem für öffentliche und strategische Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen und Regierungsgebäude“, sagt der Erdbebenexperte Barberi.

Nach den Beben in Umbrien im Jahr 1997 und dem Einsturz einer Grundschule in Molise im Süden Italiens 2002 waren die Rufe nach neuen Regeln laut geworden. Doch wie so oft in Italien ist das Geschrei nach der Tragödie groß, und kurze Zeit später verstummen die Töne. Auch wenn neue Gesetze erlassen werden – wie etwa im Jahr 2005 –, werden diese in der für Korruption anfälligen Bauwirtschaft nicht unbedingt eingehalten. Theoretisch müssten alleine von den öffentlichen Gebäuden nach den jüngsten Schätzungen bis zu 80 000 umgerüstet werden.

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