Nach dem Erdbeben
Japanischer Atomreaktor verlor radioaktives Wasser

Als gestern im Nordwesten Japans die Erde bebte, blickte das ganze Land sofort auf das Küstendorf Kariwa: Am Rande des Ortes erhebt sich das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt. Der durch das Beben ausgelöste Brand wurde schnell gelöscht, doch aus dem Reaktor trat radioaktives Wasser aus. Der Glaube an die Sicherheit der Atomkraft schwindet.

Ein Sprecher der Betreiberfirma Tokyo Electric Power räumte am Montag ein, dass aus dem Atomreaktor Kashiwazaki-Kariwa radioaktives Wasser ausgetreten sei. Dem Fernsehsender NHK zufolge soll jedoch wegen der geringen Menge an ausgetretenem Wasser keine Gefahr für die Umwelt bestehen.

Zuvor hatte die Gesellschaft noch mitgeteilt, durch das Erdbeben der Stärke 6,8 sei nur ein Transformatorhaus in Brand geraten, Radioaktivität trete nicht aus. Es war aber bereits bekannt geworden, dass die Abklingbecken für verbrauchte Brennstäbe das dringend nötige Wasser verloren, bis die Wartungsmannschaft ein Leck schließen konnte. Möglicherweise stammte das radioaktive Wasser von dort.

Auf Vollast produzieren die sieben Atommeiler dieser Anlage über acht Gigawatt Strom. Das Gelände ist zwei Kilometer lang, so dass es auf das Gebiet der Stadt Kashiwazaki mit 90 000 Einwohnern hinüberreicht. Und im Meer vor Kashiwazaki lag am Montag das Epizentrum des Erdbebens. Durch den Vorfall bekommen Zweifel an der Sicherheit der japanischen Atomkraftwerke neue Nahrung. Regierungschef Shinzo Abe ging im TV-Interview vor Ort besonders auf den Zustand der Atomanlage ein und versprach, sich von deren Sicherheit zu überzeugen.

Japan ist eine der Weltgegenden mit den meisten Erdbeben: Bis zu 1000 Mal im Jahr wackelt es irgendwo. Zugleich ist Japan eines der Länder mit den meisten Kernkraftwerken: An siebzehn Standorten kann das Land in 55 Reaktoren knapp 50 Gigawatt Strom produzieren, Deutschlands Atommeiler kommen zusammen nur maximal auf etwa 20 Gigawatt. Und Japan will noch aufstocken. „Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil der Kernkraft an der Energieversorgung um zehn Prozentpunkte steigen“, sagt Shunsuke Kondo, der Chef der japanischen Atomenergie-Kommission. Anders ließen sich Klimaziele nicht einhalten. Umfragen zufolge macht sich eine Mehrheit der Bevölkerung noch keine größeren Sorgen und vertraut den Sicherheitsberechnungen der Ingenieure.

Doch die Fragen nach der Sicherheit der Anlagen gerade im Krisenfall werden lauter, seit unlängst eine Reihe vertuschter Störfälle ans Licht kam. So sind 1999 in einem Kraftwerk die Regelstäbe versehentlich aus dem Reaktionskern herausgerutscht. Sofort setzte eine selbsterhaltende Kettenreaktion ein. Ein anderes Kraftwerk befand sich 1978 für acht Stunden im kritischen Zustand – von beiden Störfällen erfuhr die Öffentlichkeit bis vor kurzem nichts.

Auf die häufigen Erdbeben ist Japan eigentlich gut vorbereitet. Gestern lief in der von dem Beben heimgesuchten Präfektur Niigata reibungslos eine Rettungsmaschinerie an, wie sie vermutlich kein weiteres Land mobilisieren kann. Armee, Feuerwehr und Polizei errichteten innerhalb weniger Stunden Zelte für die Obdachlosen und Verletzten, die Krankenhäuser verfügten trotz Stromausfalls dauerhaft über Elektrizität, Krankenwagen brachten die über 700 Verletzten plangemäß zu den Hilfsmannschaften. Arbeiter machten sich sofort daran, Wasser, Strom und Straßen wiederherzustellen.

Die Bevölkerung verhielt sich gefasst. Ihre Sicherheit im Umgang mit der Katastrophe ergibt sich zum Teil auch aus einem Erdbeben genau gleicher Stärke in der gleichen Präfektur vor drei Jahren – seitdem hat sich gerade diese Region besonders gerüstet. Damals lag das Epizentrum näher an der Großstadt Niigata, es starben 40 Menschen. Am Montag gab es sieben Opfer. Pannen nach einem Erdbeben in der Großstadt Kobe 1995 hatten das Land aufgerüttelt und eine Überarbeitung aller Notfällpläne angeregt.

Doch die beste Vorbereitung hilft nichts, wenn sich unter einem Kraftwerksblock eine der meterbreiten Spalten auftut, die auch auf den Luftbildern von gestern zu sehen sind. Die meisten Reaktoren liegen daher in Gegenden, denen die Seismologen wenig Aktivität bescheinigen. So befinden sich in der Präfektur Fukui, nicht weit von Niigata, fünf der größten Anlagen des Landes. Die Erdbebenforscher stützen sich in ihrer Einschätzung auf geschichtliche Aufzeichnungen und das derzeitige Verständnis der tektonischen Platten unter Japan. Ausschließen können sie ein großes Erdbeben aber nicht. Sie bezeichnen es nur auf die kommenden 50 Jahre bezogen als unwahrscheinlich. Ein Einwohner der Präfekturhauptstadt Fukui antwortet auf die Frage nach der Sicherheit der Kernmeiler vor seiner Haustür: „Ach, an die Dinger haben wir uns gewöhnt, die sind doch harmlos.“ Außerdem bringen die Anlagen reichlich Arbeitsplätze.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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