Nach dem großen Beben
Trümmerfelder und Verbitterung in Algerien

Zu der Angst vor neuen Beben gesellt sich in Algerien fassungslose Wut. Die Platten eingestürzter Wohnblocks türmen sich in den Trümmerfeldern zu bizarren Beton-Sandwichs.

HB/dpa ALGIER/PARIS. Oft aber stehen kaum mehr als einen Steinwurf entfernt Häuser, die das gewaltige Beben in der Nordregion von Boumerdès makellos überstanden haben. Ebenso stark wie die verzweifelte Hoffnung, noch Angehörige aus den Schuttbergen befreien zu können, ist vielerorts die Verbitterung - auch wenn am zweiten Tag nach dem Erdstoß Überlebende geborgen wurden.

„Warum sind denn unsere Wohnblocks wie Kartenhäuser eingestürzt, während die in der Nachbarschaft nichts abbekommen haben?“, fragen sich jene, die nur ihr nacktes Leben gerettet haben. Sie bereiten sich darauf vor, auch die nächsten Nächte unter freiem Himmel, in Autos oder in Zelten zu verbringen. „Da wurde wohl am Zement gespart, um ein paar Millionen weniger ausgeben zu müssen“, sagten Algerier vor den Trümmern zu Journalisten.

Dem Schock des Bebens begegnen die leidgeprüften Algerier nicht nur mit Fatalismus, wie er ihnen nachgesagt wird, sondern mit Aggression auf die Kaste der Bürokraten. Denn sie wissen aus bitterer Erfahrung, dass immer auch Schlamperei und Fahrlässigkeit im Spiel sind. Zwar hat Algerien nach dem folgenschweren Beben von 1980 mit bis zu 5000 Toten französische und amerikanische Experten zu Rate gezogen und, wie Kenner sagen, „ausgezeichnete Anti-Erdbeben- Vorschriften“ für Neubauten erarbeitet. Doch zwischen Theorie und Praxis klafft oft eine Lücke: Pfusch am Bau kann mehr Schaden anrichten als die eigentliche Stärke des Bebens.

Wenn in dem Land mit dem riesigen Wohnraumbedarf neue Siedlungen in Angriff genommen werden, dann ragt ein futuristisch aussehender Wald an Grundpfeilern aus Beton in den Himmel. „In Untergeschossen fehlen dann die Mauern, es gibt nur die Pfeiler und dazwischen den Freiraum für Garagen, kleine Läden und so“, macht der französische Fachmann für bebensichere Konstruktion, Wolfgang Jalil, die Bauweise für die Einstürze in und um Boumerdès verantwortlich. In jedem Fall dürften es mangelnde Kontrollen sein, die das Desaster verschärften.

Die betroffene Region am Rande des Mittelmeeres ist seit langem dabei, mit einer immensen Bautätigkeit ganze Satelliten-Städte aus dem Boden zu stampfen und damit die Wohnungsnot Algiers zu lindern.

Auch wenn die Wut unter den Betroffenen groß ist, so hat die Regierung diesmal doch weitaus rascher reagiert als sonst. Sofort nach dem schweren Erdstoß begann eine Krisenzelle, die ersten Notmaßnahmen zu koordinieren. Über den Rundfunk wurden Ärzte, Pfleger und Blutspender zu Hospitälern dirigiert. Fieberhaft wird gesucht. Hilfsbereitschaft wird ganz groß geschrieben. Für Trauer bleibt den Millionen im Küstengebiet so nicht viel Zeit.

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