Nach Kritik an Merkel
Jüdische Funktionäre attackieren Kardinal Meisner

Der Zentralrat der Juden und die orthodoxen Rabbiner in Deutschland haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor dem Kölner Erzbischof Joachim Meisner in Schutz genommen. "Die Kritik von Kardinal Meisner an der Bundeskanzlerin ist infam", sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, im Gespräch mit Handelsblatt.com.

DÜSSELDORF. "Der offensichtliche Erpressungsversuch des Kardinals durch die Drohung mit Nachteilen in der eigenen Partei und bei den bevorstehenden Wahlen, so darf vermutet werden, zeugt schon von einem seltsamen Rollenverständnis des Kirchenführers ganz zu Schweigen vom Demokratieverständnis und dem Prinzip der Trennung von Kirche und Staat", sagte Kramer.

Meisner hatte die Kanzlerin aufgefordert, sich für ihre Kritik zu entschuldigen, die sie zur Haltung des Papstes gegenüber der ultrakonservativen Piusbruderschaft und dem Holocaust-Leugner Richard Williamson geäußert hatte.

Kramer sagte dazu: "Für die Bundeskanzlerin gibt es nichts, wofür Sie sich zu entschuldigen hätte". Sie habe den Papst weder beleidigt, noch herabgewürdigt. Sie habe lediglich "eine längst überfällige Klarstellung des Papstes zu dessen eigenen Worten eingefordert". Meisner hingegen versuche von "einer massiven Glaubwürdigkeitskrise in der katholischen Kirche abzulenken und buhlt um die Pius-Sektierer und die Fundamentalisten in der eigenen Kirche". Kramer: "Kardinal Meisner gießt Öl ins Feuer, wie er es schon immer verstanden hat, zu spalten statt zu vereinen."

Ähnlich äußerten sich die orthodoxen Rabbiner in Deutschland. „Es gibt keinen Grund, dass sich die Kanzlerin für irgendetwas zu entschuldigen hätte“, sagte der Düsseldorfer Rabbiner Julian Chaim Soussan am Freitag im Namen der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands. „Im Gegenteil: Die Bundesrepublik sollte stolz auf eine Kanzlerin sein, die mutig und sensibel mit dem Thema des Holocaust umgegangen ist“, sagte Soussan der Nachrichtenagentur dpa.

„Leugnern des millionenfachen Völkermords an Europas Juden muss zu jeder Zeit und an jedem Ort entgegengetreten werden“, betonte Soussan. Erzbischof Meisner habe offenbar nicht verstanden, dass die vermeintliche Papst-Kritik der Kanzlerin „genau in dieser Haltung ihren guten Grund hat“, sagte der Rabbiner. Die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland habe die klare Position Merkels gerade in den Zeiten „als ein deutliches Zeichen der Solidarität“ aufgefasst, als die Position des Vatikans „gegenüber den Holocaust-Leugnungen Bischof Williamsons und damit auch gegenüber uns Juden“ noch weitgehend ungeklärt gewesen sei. Unverständnis äußersten die 24 Rabbiner auch darüber, dass Meisner das Thema wieder aufgegriffen habe, „obwohl sich selbst Spitzenvertreter der katholischen Kirche längst ähnlich kritisch dazu geäußert haben wie die Kanzlerin“.

Der Zentralrats-Generalsekretär äußerte überdies Kritik am Papst, der zwar seine Beweggründe zur Aufhebung de Exkommunikation der Piusbruderschaft deutlich gemacht und Fehler eingeräumt habe, aber bis heute keine Konsequenzen gezogen habe. "Man versucht die Causa Pius-Bruderschaft im Vatikan offensichtlich auszusitzen", sagte Kramer.

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