Nach Raserurteil entbrennt Diskussion um Bewährungsstrafe
Vorläufiges Ende des Raserprozesses

Nachdem die Karlsruher Richter im Autobahnraserprozess das Urteil gesprochen haben, ist unter Verkehrsexperten ein Streit über das Strafmaß entbrannt. Für die Familie des Opfers ist das Ende des Prozesses hingegen eine Erleichterung.

HB KARLSRUHE. Der Angeklagte nahm das Urteil des Karlsruher Landgerichts ohne äußere Regung entgegen - wie er fast den gesamten Prozess mit gespannter, aber unbewegter Miene verfolgt hatte. Doch in die Enttäuschung über den ausgebliebenen Freispruch dürfte sich bei ihm auch Erleichterung mischen. Zwar muss der 35-Jährige fortan mit dem Makel leben, jener „Karlsruher Autobahnraser“ zu sein, der den Tod zweier Menschen verschuldet hat. Doch der Gang ins Gefängnis, den er nach dem erstinstanzlichen Urteil hätte antreten müssen, bleibt ihm erspart.

Das jedenfalls ist das vorläufige Endergebnis eines Verfahrens, das die Öffentlichkeit über Monate in seinen Bann gezogen hat. Der Verteidiger Georg Prasser hat zwar Revision beim Oberlandesgericht Karlsruhe angekündigt. Doch weil dort nur noch ein juristischer Fehler die einjährige Bewährungsstrafe zum Kippen bringen könnte, sind seine Karten deutlich schlechter als in dem Indizienprozess beim Landgericht. Dieser bewegte sich - wie schon zuvor beim Amtsgericht - auf einem schmalen Grat. Ein fehlender Zeuge oder eine Schlampigkeit der Polizei hätten womöglich zum Freispruch geführt, sagte der Vorsitzende Richter Harald Kiwull bei der Urteilsverkündung.

Doch nach Überzeugung des Gerichts herrscht nun Gewissheit, dass der Daimler-Chrysler-Ingenieur der Täter war. Mit rund 250 Stundenkilometern, so das Gericht, raste er am 14. Juli 2003 im 476 PS starken Mercedes über die Autobahn 5 bei Karlsruhe, nahm beim Anblick des höchstens 150 Stundenkilometer schnellen Kia noch den Fuß vom Gas, fuhr bis auf 10, 20 Meter auf und raste äußerst links vorbei. Als der Kleinwagen mit der 21-jährigen Mutter und ihrer zweijährigen Tochter in eine Baumgruppe prallte, war der Raser wahrscheinlich schon mehr als 200 Meter entfernt.

Den Vorfall hatten mehrere Zeugen beobachtet, darunter versierte Autofahrer, die dem Gericht entscheidende Details des auffälligen Coupés schildern konnten. Auch die Weg-Zeit-Berechnung, mit deren Hilfe Verteidiger Prasser das Amtsgerichtsurteil zu Fall bringen wollte, passte letztlich ins Bild: 34 Minuten blieben dem Angeklagten laut Gericht von der Ausfahrt aus dem Werk Sindelfingen bis zum Unfallort - genug, um morgens vor dem Berufsverkehr die gut 80 Kilometer zurückzulegen.

Nur Stunden nach dem Urteil entbrannte eine Diskussion unter Verkehrsexperten: Eine bloße Bewährungsstrafe reiche nicht, um der „tödlichen Raserei“ Einhalt zu gebieten, kritisierte der Verkehrsclub Deutschland, während der ADAC die Strafe für „angemessen“ hält. Richter Kiwull hatte bei der Verkündung vorsorglich andere Entscheidungen seines Gerichts aufgezählt, bei denen es um fahrlässige Tötung bei Autounfällen ging, sei es durch Trunkenheit am Steuer, sei es durch halsbrecherisches Überholen. Die Urteile schwankten zwischen saftigen Geldstrafen und 15 Monaten ohne Bewährung.

Außerdem merkte er an, dass er nicht über das Schnellfahren auf deutschen Autobahnen zu urteilen hatte - das sei eben zulässig, solange es keine Geschwindigkeitsbeschränkung gebe. Sein Fall war der des Rolf F. aus dem schwäbischen Münsingen, den der Richter nach der Beweisaufnahme eben nicht für einen „Rambo der Straße“ hält. Sondern für einen Menschen, der zwar durch Rücksichtslosigkeit einen schlimmen Unfall verursacht hat, der aber auch - durch das Medieninteresse auf Jahre hinaus „gebrandmarkt“ - seine berufliche Existenz verloren hat.

Die Gewissheit des Urteils ist auch für die Angehörigen der Opfer entscheidend. Den Eltern und dem Lebensgefährten der getöteten Autofahrerin, die den Prozess als Nebenkläger verfolgten, sei es in erster Linie auf die Feststellung angekommen, „dass er es auch wirklich war“, sagte ihr Anwalt Hans Ribstein am Donnerstag. Auch mit der Tatsache, dass die Strafe „nur“ zur Bewährung ausgesetzt sei, könnten sie leben: „Sie wollen nun Ruhe haben“, um über den tragischen Verlust hinwegzukommen.

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