Nach Schiffshavarie: „Concordia“-Kapitän unter Hausarrest gestellt

Nach Schiffshavarie
„Concordia“-Kapitän unter Hausarrest gestellt

Der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ soll unter Hausarrest gestellt worden sein. Gegen ihn werde neue, krasse Vorwürfe laut. Auch über einen möglichen Drogenmissbrauch wird spekuliert.
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RomDer Kapitän des vor der italienischen Insel Giglio havarierten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“, Francesco Schettino, wird unter Hausarrest gestellt. Das entschied die zuständige Richterin von Grosseto, Valeria Montesarchio, nach einer dreistündigen Anhörung des 52 Jahre alten Kapitäns am Dienstag, wie italienische Medien am Abend berichteten.

Der Kapitän war auf Antrag der Staatsanwaltschaft am vergangenen Samstag festgenommen worden. Die Staatsanwälte hatten von Fluchtgefahr gesprochen. Schettino werden mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes mitten in der Evakuierung vorgeworfen. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

Bisher wurden elf Leichen geborgen, zahlreiche Menschen wurden in der Nacht zum Mittwoch noch vermisst. Am Dienstag entdeckten Taucher im Wrack der „Costa Concordia“ fünf Leichen. Die Toten - eine Frau und vier Männer - wurden am Dienstag im überfluteten Heckteil des gekenterten Schiffes vor der Insel Giglio gefunden, bestätigten ein Sprecher der Gemeinde und die Küstenwache. Wahrscheinlich gibt es auch deutsche Todesopfer.

Unklarheit herrschte am Dienstag über die Zahl der Vermissten. Italienische Behörden sprachen von 29 Menschen, darunter 14 Deutsche, sechs Italiener, vier Franzosen, zwei Amerikaner sowie je ein Ungar, Inder und Peruaner. Das Auswärtige Amt geht von zwölf Deutschen aus, allerdings wird dort Hinweisen auf weitere Verschollene nachgegangen. Fünf Vermisste stammen demnach aus Hessen, je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und eine Frau aus Bayern. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) versprach, das Schicksal der Vermissten schnell aufzuklären. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Gegen den Kapitän wurden neue, schwere Vorwürfe laut. So belegte ein Gesprächsprotokoll eine völlig chaotische Evakuierung. Der Kapitän gab jedoch an, nach der Kollision noch zahlreiche Menschen gerettet zu haben. „Ich hatte das Kommando“, räumte der 52-Jährige bei dem Haftprüfungstermin ein, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Er habe das Schiff aber nicht aufgegeben, vielmehr mit dem Kurs nach der Kollision noch Hunderte oder Tausende Menschenleben gerettet.

Veröffentlichte Gespräche zwischen Küstenwache und Kapitän belasten Schettino noch mehr: Sie könnten zeigen, dass er das Problem heruntergespielt, das Schiff tatsächlich verfrüht verlassen und die Passagiere sich selbst überlassen hat. Er soll sich auch mehrfach geweigert haben, an Bord zurückzukehren.

Der 52-Jährige soll eigenmächtig die gefährlich nahe Route gewählt haben, um seinem von der Insel stammenden Oberkellner Antonello Tievoli die Möglichkeit zu geben, Giglio zu grüßen. Medienberichten zufolge hatte dessen Schwester auf dem sozialen Netzwerk Facebook angekündigt, dass die „Costa Concordia“ bald ganz nah vorbeifahren werde.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Kreuzfahrtschiff zu nahe an die Insel kam. Eine Bestätigung dafür, dass ein deutsches Todesopfer identifiziert sei, gab es vom Außenministerium in Berlin zunächst nicht. Jedoch sagte der italienische Zivilschutzchef Franco Gabrielli: „Mir scheint, dass das am Montag geborgene Opfer deutscher Nationalität ist.“ Am Montag wurde die Leiche eines Mannes entdeckt.

Der 290 Meter lange Kreuzer mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitagabend einen Felsen gerammt und war leckgeschlagen. Er liegt derzeit in starker Schräglage vor der Insel und droht abzurutschen und zu versinken. Naturschützer fürchten, dass Treibstoff das fragile Ökosystem weit über die toskanische Insel hinaus verschmutzt. Zwei bis fünf Wochen werde es dauern, die knapp 2400 Tonnen Treibstoff aus den 21 vollen Tanks der „Costa Concordia“ zu pumpen, erklärte Max Iguera von der beauftragten niederländischen Bergungsfirma Smit Salvage. Am Mittwoch soll das Abpumpen des Öls vorbereitet werden.

Die italienischen Behörden gehen davon aus, dass das Wetter bis Donnerstag gut bleibt. Die Rettungsarbeiten könnten auf jeden Fall solange fortgesetzt werden. Italiens Umweltminister Corrado Clini sagte, zur Bewältigung des Unfalls werde der Notstand erklärt. Es gehe darum, die knapp 2400 Tonnen Treibstoff so schnell wie möglich aus den Tanks des Schiffes zu holen.

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Naturschützer befürchten Schlimmes

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  • Denke, der Kapitän hat selbst einen Schock bekommen, nachdem er mitbekommen hat, was er da gemacht hat! Deswegen wollt er wohl auch nicht mehr auf das Schiff. Allerdings, wenn es solche Begrüßungsrituale gibt, geben soll, sollten doch vorher Regeln aufgestellt werden, die Reederrei hat Mitschuld, wenn diese so etwas erlaubt!
    Fazit: Schöne Gesten können ganz schön nach hinten losgehen! :/

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