Nach Unglück am Mount Everest
Das dicke Geschäft in dünner Luft

Hunderte oft wenig erfahrene Kletterer bezahlen viel Geld, um das „Dach der Welt“ zu erklimmen. Damit könnte jetzt Schluss ein. Nach dem Tod von 16 Sherpas haben ihre Kollegen die Expeditionsvorbereitungen abgebrochen.
  • 1

Sie haben zusammengepackt und verweigern nun alle Aufstiege. Nach dem Lawinenunglück am Mount Everest mit 16 Toten haben mehrere internationale Expeditionen ihren Aufstieg abgebrochen. Außerdem wollen zahlreiche nepalesische Bergsteiger, die für die meisten Tourengeher unerlässlich sind, am Mittwoch aus Respekt vor ihren Kollegen aus dem Basislager absteigen.

„Die Sherpas haben abgestimmt, dass sie absteigen möchten, und packen zusammen“, erklärte Ed Marzec, dessen US-Expedition bei dem Unglück drei Bergführer verloren hat. Auch der geplante Sprung mit einem Wingsuit vom höchsten Berg der Erde wurde abgesagt. Alle 16 Tote waren Sherpas, bislang wurden 13 Leichen geborgen.

Die nepalesische Regierung, für die die großen Expeditionen aus aller Welt eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes sind, will den Streik noch abwenden. Der Tourismusminister und Vertreter von Bergsteigergruppen würden am Donnerstag ins Basislager fliegen, um die Sherpas umzustimmen, sagte Dambar Parajuli, Präsident des Verbandes der Tourenexpeditionen in Kathmandu.

Inzwischen haben der dritte große Touren-Organisator seine Besteigungen für dieses Jahr gestrichen. "Nach langer Diskussion und nach Berücksichtigung aller Aspekte wurde beschlossen, diese Saison aufzugeben", teilte die in Neuseeland beheimatete Firma Adventure Consultants am späten Dienstagabend mit. Das Unternehmen hatte bei dem Lawinenunglück am vergangenen Freitag drei seiner Bergsteiger verloren.

Zuvor hatten bereits die Alpine Ascents International und der Discovery Channel ihre Projekte für den höchsten Gipfel der Erde auf Eis gelegt. Tausende Bergsteiger, die zum Teil schon viel Geld für Expeditionen bezahlt haben, stehen vor einer bitteren Enttäuschung - und der nepalesischen Tourismusbranche und dem Staat drohen verheerende Einbußen.

Das Geschäft mit dem Mount Everest wäre ernsthaft in Gefahr. Denn mit dessen Besteigung verdienen viele Seiten viel Geld. Die Chronologie der Profits mit dem spektakulärsten aller Berge beginnt 1953 – mit einer Schlagzeile der britischen „Evening News“, die falscher nicht hätte sein können: „Er wird nie wieder erstiegen werden“, schrieb das Blatt damals, kurz nachdem die Nachricht über die erfolgreiche Erstbesteigung des höchsten Bergs im Königreich eintraf.

Der neuseeländische Bienenzüchter Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay hatten am 29. Mai 1953 gegen 11.30 Uhr als erste Menschen den Gipfel des Mount Everest erreicht. Seitdem hat das nepalesische Tourismusministerium mehr als 5000 weitere Gipfelstürmer registriert.

Was damals als historische und heldenhafte Entdeckerleistung rund um den Globus gefeiert wurde, ist heute zu einem einträglichen Geschäft geworden. Schnellster Aufstieg, ältester Gipfelbezwinger, der erste Blinde auf dem Dach der Welt: Kritiker beklagen schon lange, der Everest würde zunehmend von Selbstdarstellern instrumentalisiert. Zu sehr stünden kommerzielle Interessen im Fokus, sagen sie.

Einer dieser „Selbstdarsteller“ ist Aydin Irmak. Im Jahr 2012 versuchte der New Yorker Fahrradhändler mit seinem Drahtesel den Gipfel zu erreichen. Es wäre ein schöner PR-Gag gewesen, für ihn und die von ihm engagierte Expeditionsagentur.

Kommentare zu " Nach Unglück am Mount Everest: Das dicke Geschäft in dünner Luft"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "...hinterließen gleichzeitig immer größere Abfallberge, die dem Everest den Ruf als höchste Mülldeponie der Welt einbrachte."
    ---
    Dieser Massentourismus auf den Gipfel mit seinen Auswüchsen ist eine Schande! Qomolangma ist immer noch ein heiliger Ort! Ein bißchen mehr Ehrfurcht vor der Natur dort könnte nicht schaden!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%