Nach Unglück
Der Rhein ist wieder frei

Die Meistbefahrene Wasserstraße Europas war in den vergangenen Tagen höchstens noch ein riesiger Parkplatz für Binnenschiffer. Nach fünf Tagen Sperrung wegen eines Frachterunfalls wurde der Rhein am Freitagabend wieder freigegeben. Die Bilanz am Samstagmorgen ist durchwachsen.

HB KÖLN. Endlich freie Fahrt auf dem Rhein: Fünf Tage lang hatten Kapitäne und Schiffer ausgeharrt, geschimpft und immense Verluste in Kauf nehmen müssen. Dann schließlich kam das große Aufatmen - der Fluss wurde wieder freigegeben.

Am späten Freitagabend ist die Stimmung auf dem Rhein ungefähr so, als wenn man nach stundenlangem Warten auf der Autobahn endlich weiterfahren darf. Vor der Kulisse des beleuchteten Kölner Doms tuckert eine nicht enden wollende Reihe von Frachtern unter der Hohenzollernbrücke hindurch. Es herrscht Aufbruchstimmung auf Europas meist befahrener Wasserstraße. „Schön, dass wir jetzt wieder fahren können“, sagt der Binnenschiffer Emanuel Albrecht.

Die meisten brennen darauf, jetzt endlich losfahren zu können. Manche allerdings wollen lieber noch warten, da sie riskante Überholmanöver befürchten. Jetzt bloß nicht noch das nächste Unglück! Am Samstag kann Markus Neumann vom Wasser- und Schifffahrtsamt jedoch Entwarnung geben: „Das war eine der leichtesten Auflösungen, die ich je erlebt habe.“ Die Schiffer seien „super diszipliniert“ gewesen. „De Rijn bij Keulen is weer vrij“, meldet auch der niederländische Rundfunk. Dass der Rhein bei Köln fünf Tage eben nicht mehr frei war, hatte Folgen bis hinauf nach Rotterdam. Der größte Seehafen Europas war mit einem Mal von seinem deutschen Hinterland abgeschnitten.

Es war dieser eine Moment am vergangenen Sonntag, der zum Ausnahme-Zustand auf dem Rhein führte: Der Frachter „Excelsior“ war auf dem Weg rheinabwärts nach Rotterdam - schwer beladen mit 103 Containern. Es war bestes Frühlingswetter. Im Süden von Köln bekam der 105 Meter lange Frachter plötzlich Schlagseite. Möglicherweise war ein Riss im Rumpf des Schiffes der Auslöser. Der 64-jährige Kapitän hatte das Unglück wohl kommen sehen. Nach Angaben der Polizei versuchte er zu wenden. 32 Container purzelten dabei wie Bauklötze über Bord. Mittlerweile soll der Kapitän einen Nervenzusammenbruch erlitten haben.

Sorgen machten drei Container, die mit Gefahrenstoffen im Wasser landeten. Spezialisten begannen mit einer groß angelegten Bergungsaktion. Der Rhein trieb sein Spiel mit ihnen. Mit seiner Strömung sollte er sie in den nächsten Tagen mehr als einmal in die Irre führen. Zuerst schaukelten die roten und blauen tonnenschweren Kisten auf dem Wasser. Dann trieben die Container ab, gingen unter. Peilboote wurden eingesetzt. Einen Tag später die erste Erfolgsmeldung: Alle Container geortet. Wie trügerisch.

Taucher arbeiteten unter Wasser. Ein Tauchglockenschiff wurde runtergelassen, Kräne eingesetzt. Alle hatten mit der starken Strömung zu kämpfen. Während ein Kran seine Last an den Haken nahm, verschwand ein Container an anderer Stelle mit der Strömung. Am dritten Tag nach dem Unfall wieder ein Erfolg für die Spezialisten: Alle Gefahrgut-Container waren geborgen - ohne Schaden für den Rhein. Doch vier Container blieben auch am Freitag noch verschwunden.

Die meistbefahrene Wasserstraße Europas wurde in diesen Tagen zu einem Mega-Parkplatz für die Binnenschiffer. 500 sollen am Ende im Schiffsstau gestanden haben. Selbst Fachleute konnten die Zahl nur schätzen. Es gab Rückstaus bis nach Duisburg und Rheinland-Pfalz. Es wurde viel geputzt auf den Schiffen an diesen Tagen, und nie war das Putzen so teuer: Nach Schätzungen kostet jeder nicht gefahrene Tag den Eigner 2000 Euro.

Der materielle Schaden geht in die Millionen. Die Branche befürchtet zudem einen Imageschaden. Der Geschäftsführer eines Duisburger Logistik-Unternehmens meinte frustriert: „Der Vorfall auf den Rhein wirft uns wieder ganz weit zurück.“

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