Nachlässigkeiten und Pflichtverstöße
Fluglotsen stehen wegen Überlingen-Absturz vor Gericht

Fünf Jahre nach dem Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodensee müssen sich acht Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung vor Gericht verantworten. Bei dem Unfall sind über 70 Menschen gestorben. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung.

HB BÜLACH. Fast fünf Jahre nach der folgenschweren Kollision von zwei Flugzeugen am Bodensee hat am Dienstag in der Schweiz der Strafprozess gegen acht Mitarbeiter der Flugsicherung Skyguide begonnen. Ihnen werden mehrfache fahrlässige Tötung und fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs vorgeworfen. Der Zusammenstoß eines Passagierflugzeugs der Bashkirian Airlines mit einem DHL-Frachtflugzeug kostete am 1. Juli 2002 insgesamt 71 Menschen das Leben, darunter 49 russische Kinder und Jugendliche.

Zum Zeitpunkt des Unglücks um 23.35 Uhr befanden sich beide Flugzeuge über deutschem Hoheitsgebiet, aber unter Kontrolle der Schweizer Flugsicherung Skyguide. Dort war damals nur ein Fluglotse an seinem Arbeitsplatz. Erste Aussagen zu Beginn des Prozesses zeigten, dass Skyguide die Regelung des Nachtdienstes locker nahm. Die Besetzung des Nachtdienstes mit nur einem Fluglotsen sei üblich gewesen und habe nie zu Problemen geführt, sagte der angeklagte Leiter der Flugsicherungsbetriebe und Chef der Flugverkehrskontrolle bei Skyguide.

Wegen des sehr viel geringeren Flugverkehrsaufkommens in der Nacht habe eine Einmann-Besetzung ausgereicht, sagte der Angeklagte, der selbst Erfahrungen als Fluglotse hat. Diese Diensteinteilung habe sich vor allem wegen der Personalknappheit bei Skyguide aufgedrängt. Insgesamt waren zum Zeitpunkt des Unglücks bei Skyguide zwei Fluglotsen im Dienst. Einer begab sich rund eine halbe Stunde vor der Kollision in den Pausenraum und wollte bis zum Dienstschluss dort bleiben.

Zu kritischen Ausführungen von Experten über die Dienstorganisation, vor allem über die lockere Handhabung von Nachtdiensten und Pausen bei der Flugverkehrsüberwachung, wollte der Angeklagte am Dienstag keine Stellung nehmen. Er bedauerte das Unglück zutiefst, erachtete sich aber im Sinne der Anklage als unschuldig. Die Staatsanwaltschaft fordert für die acht Angeklagten zwischen sechs und 15 Monate Haft auf Bewährung. Die Gerichtsverhandlung dauert voraussichtlich bis zum 30. Mai. Das Urteil ergeht später. Zunächst steht die persönliche Befragung der Angeklagten auf dem Programm.

Der Skyguide-Fluglotse, der zur Unglückszeit allein Dienst leistete, wurde am 24. Februar 2004 von einem Russen erstochen, der bei der Katastrophe seine Familie verloren hatte. Der Täter wurde wegen vorsätzlicher Tötung zu acht Jahren Haft verurteilt, allerdings hob das Kassationsgericht das Urteil auf und wies es zur Neubeurteilung des Strafmaßes ans Obergericht zurück.

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