Nelson Mandela
Madibas letzte Reise

Nelson Mandela tritt an diesem Samstag den letzten Weg an – sein Leichnam wird in sein Heimatdorf Qunu gebracht. Dort haben Mandelas Reformen für einige Menschen Verbesserungen gebracht. Doch die Not ist noch sichtbar.
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QunuSosos Name steht bereits auf dem Grabstein abseits des Hauses, direkt neben dem ihres Mannes. Abraham starb vor mehr als 20 Jahren bei einem Autounfall. Soso dagegen ist quicklebendig. Sie habe schon alles vorbereitet, irgendwann komme der Tod ja ohnehin, sagt die Xhosa-Frau aus Nelson Mandelas Heimatdorf Qunu. Ihr Haus steht entlang der Straße, auf der „Tata Madiba“ am Samstag seine letzte Reise antrat. Ein paar Kilometer weiter wird der südafrikanische Friedensnobelpreisträger am Sonntag beigesetzt.

Es ist eine ländliche Gegend, in der viele Menschen wie Soso eine pragmatische Einstellung zum Tod haben. Die 62-Jährige, die Schafe, Schweine und Hühner züchtet und ihr eigenes Gemüse anbaut, ist es gewohnt, für sich selbst zu sorgen.

Nicht viel anders, möchte man sich vorstellen, hat hier auch Nelson Mandela gelebt. Als Kind hütete er Vieh. Es sei ein Ort gewesen, wo die Menschen zu seiner Geburt 1918 weitgehend noch immer so lebten wie seit Hunderten von Jahren, schreibt Mandela in seiner Biografie. Er liebte das Dorf, in dem er jetzt die letzte Ruhe finden darf.

Die Erde ist trocken, die Farbe der Landschaft wie von der Sonne ausgebleicht. Doch an wenigen anderen Orten sind die von Mandela angestoßenen Veränderungen so sichtbar wie hier.

Mandela, dem Freiheitskämpfer, sei es zu verdanken, dass es den Menschen in dem kleinen Dorf heute gut gehe, sagt Soso, die mit vollem Namen Bukelwa Nangamso Siqaza heißt. „Erst als Madiba kam, hatten wir ein besseres Leben.“ Als Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, lebte Sosos fünfköpfige Familie in einer runden Hütte, alle in einem Raum. 1995, ein Jahr nachdem Mandela Präsident wurde und versprach, die schwarze Bevölkerung aus der Armut zu führen, bauten sie ein einstöckiges Haus aus Stein.

Seit dem Jahr 2000, erzählt die Lehrerin, gebe es Strom. Vier Millionen Haushalte wurden seit 1994 angeschlossen. „Wir haben sofort einen Fernseher gekauft“, sagt Soso. Jetzt hat die Familie auch einen Computer. Die Toiletten aber sind noch immer kleine Blechhütten im Freien, ohne Tür.

Noch deutlicher scheint die Veränderung in der Schule etwas weiter die Straße hinunter. Es gebe eine Bücherei und einen Computerraum, allerdings noch ohne Computer, erzählt die Lehrerin stolz. Mandela habe viel Wert auf Bildung gelegt. Vorher war die Schule klein, oft hätten sie unter Bäumen unterrichtet. Während der Apartheid musste sie den Unterricht auf Afrikaans halten, der Sprache der Unterdrücker, die kaum ein Kind verstand.

Ein paar Kilometer weiter steht Siyabonga Nkalweni neben dem Haus eines Freundes. Bevor Madiba 1994 Präsident wurde, hätten sie ihr Wasser aus dem Fluss geholt, „neben den Kühen“, erzählt der 33-Jährige. Vier Stunden dauerte das jedes Mal. Seit 1996 gebe es Wasserhähne in der Nähe der besseren Häuser.

Doch er und sein Kumpel Mlungisi Gaven sind nicht ganz so optimistisch wie Soso. Wie viele in den armen Gegenden, in denen die Schwarzen während der Apartheid leben mussten, beschweren sie sich über Korruption. „Du musst sogar Bestechungsgeld zahlen, damit Du Dein Gehalt bekommst“, sagt Nkalweni. „Darauf sind wir nicht stolz, aber wenn Du etwas willst, musst Du eben bezahlen.“ Auch die sozialen Unterschiede seien groß. Nicht einmal ein Lehrer könne sich heute noch ein Haus leisten. „Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer.“

Doch trotzdem: Zweimal habe er anderswo gewohnt, erzählt Gaven, in Kapstadt und Pretoria. „Aber da draußen war ich verloren.“ Die Transkei sei Heimat für ihn, wie für Mandela, der im Tod endlich zurückkehrt.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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