Neue Heimat
Der Tilsiter wird ein echter Schweizer

Der drohende Käsekrieg wurde nun doch friedlich beigelegt. Die Käseproduzenten aus Russland und der Schweiz haben sich bei der Vergabe des Namens Tilsit geeinigt. Zur großen Feier anlässlich der „neuen Ära im Käsegeschäft“ kamen schließlich sogar beide Seiten.

HB BISSEGG. Tilsit liegt jetzt in der Schweiz: Weil der ostpreußische Herkunftsort des berühmten Käses seinen Namen änderte, haben die Alpenländler dem Tilsiter eine neue Heimat im Thurgau bereitet. Mit rund 1 000 Gästen feierte der Weiler Tilsit am Mittwoch den Beginn einer neuen Ära im Schweizer Käsegeschäft.

„Ein bisschen hat uns auch die Politik in die Hände gespielt“, erklärte Bruno Buntschu, Geschäftsführer von Tilsiter Switzerland, dessen Organisation für den cleveren Zug verantwortlich zeichnet. Russische Käser versuchten zuvor vergeblich, ihren Tilsitskij mit einer Rückbenennung der Stadt im ehemaligen Ostpreußen besser am Markt zu positionieren. Die Behörden weigerten sich aber, die nach dem Zweiten Weltkrieg Sowjetsk getaufte Stadt wieder in Tilsit umzubenennen. Damit stand der Name zur Verfügung.

Diese Gelegenheit nutzten die Schweizer und siedelten den Weiler Tilsit in der Thurgauer Gemeinde Amlikon-Bissegg an. Dort steht auch die erste Schweizer Tilsiter-Käserei. Sie geht auf den Thurgauer Otto Wartmann zurück, der 1893 mit der Käseherstellung begann. Das Rezept hatte er aus Tilsit, wo eine Witwe Westphal aus Milchbude/Plauschwarren den Käse herstellte. Diese wiederum hatte das Rezept von holländische Einwanderern.

Im vergangenen Herbst kam es zu einem kurzzeitigen Käsekrieg zwischen den Schweizer Tilsiter-Produzenten und Herstellern aus dem ehemaligen Tilsit. Diese wollten den Schweizern das Original servieren, stießen aber auf Widerstand. Es kam zu einer Plakatkampagne mit Sowjet-Nostalgie. Markenzeichen war ein Käsemesser, gekreuzt mit einer Sichel. Auf den roten Plakaten stemmten Proletarierarme einen Tilsiter-Block in die Höhe. Tilsiter Switzerland konterte mit Zeitungsinseraten und stellte den russischen Tilsiter als minderwertigen Industriekäse dar.

Die Spannungen waren aber nur von kurzer Dauer. Im neuen Tilsit war am Mittwoch der Chef der Konkurrenten gar als Ehrengast geladen. Damit erlebte auch der Tilsiter Frieden, bei dem 1807 Napoleon mit Zar Alexander I. und König Friedrich-Wilhelm III. in der Stadt an der Memel den 4. Koalitionskrieg beendete, irgendwie eine Neuauflage am Schweizer Käsemarkt.

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