Neuer Mordprozess gegen Dorfbäcker von Siegelsbach
Zu den Vorwürfen kein Wort

Seit gut drei Jahren reden sich die Bewohner von Siegelsbach die Köpfe heiß, ob ihr ehemaliger Dorfbäcker tatsächlich ein brutaler Bankräuber und Mörder ist. Aber auch die zweite Prozessrunde vor dem Landgericht Stuttgart treibt am Montag manch einem Einwohner der kleinen Gemeinde bei Heilbronn die Zornesröte ins Gesicht.

HB STUTTGART.Denn die Verteidigerin des Bäckermeisters stellt gleich zu Beginn Anträge auf Unterbrechung der Verhandlung und schiebt einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht nach. „Das ist doch die Höhe“, schallt es aus dem voll besetzten Zuschauerraum.

Ein älterer Siegelsbacher meint sogar: „Das ist doch eine Hexe.“ Die meisten der gut ein Dutzend zum Prozess angereisten Dorfbewohner können nicht verstehen, dass sich die forsch auftretende Anwältin derart für ihren Mandanten ins Zeug legt. Denn für die Zuhörer steht fest: Der Mann, bei dem sie früher täglich ihre Brötchen kauften, ging bei dem Überfall auf die örtliche Kreissparkasse im Oktober 2004 äußerst brutal vor und versuchte, alle Zeugen zu beseitigen.

Das bestätigt zum wiederholten Mal der Bankangestellte, der kurz nach der Mittagspause 33 000 Euro in eine Plastiktüte packen musste und dem der Bankräuber anschließend mit dem Pistolenknauf den Schädel einschlug. Er habe in dem unmaskierten Mann eindeutig den Bäcker erkannt, der sich noch wenige Tage zuvor mit einer Laugenstange in der Hand bei ihm erkundigt habe, ob denn die Überwachungskameras ständig eingeschaltet seien.

Zudem hatten die Ermittler nach dem Überfall 33 000 Euro bei dem Bäcker aufgespürt, entdeckten eine Blutspur im Auto und die seltenen Jägerstiefel des Angeklagten passten zu Spuren am Tatort. Doch die Heilbronner Richter sprachen den Bäcker im ersten Verfahren im vergangenen Jahr frei - aus Mangel an Beweisen.

Wenig Verständnis zeigen die Prozessbeobachter aus Siegelsbach am Montag auch für die komplizierten rechtlichen Begründungen der Verteidigerin. Aber die Anwältin möchte den Spielraum für Beratungen mit ihrem Mandanten ausweiten und sieht sich durch die Terminierung des Gerichts in ein zu enges Zeitkorsett gepresst.

Die Siegelsbacher wollen dagegen eine zügige Verurteilung des 49 Jahre alten Bäckermeisters, den viele schon von klein auf kennen. Dass der passionierte Jäger kaltblütig eine Rentnerin erschossen haben soll und laut Anklage versuchte, deren Mann umzubringen, ist für manch einen noch immer schockierend. Die meisten Prozessbesucher halten es aber für erwiesen, auch wenn der Angeklagte mit halblauter Stimme aussagt: „Ich bin unschuldig hier.“

Zu den Details der Vorwürfe sagt er - wie bislang auch - kein Wort und gibt lediglich mit leiser, monotoner Stimme seinen Lebenslauf zu Protokoll: Hauptschule, Gesellenprüfung, Grundwehrdienst, Arbeit in der elterlichen Bäckerei, Meisterprüfung, Heirat, drei Kinder, Scheidung von seiner Frau, angespannte finanzielle Lage und schließlich Verhaftung wenige Tage nach dem Überfall.

Als der Bankangestellte die bis heute spürbaren Folgen seiner lebensgefährlichen Verletzungen schildert - ständige Kopfschmerzen, schlechtes Gedächtnis, psychologische Behandlung - neigt der Bäckermeister mit interessiertem Blick den Kopf zur Seite, macht sich wenige Notizen und spielt mit den Fingern. Was in ihm vorgeht, ist kaum zu erahnen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%