Neugier
Der unstillbare Durst nach Wissen

Neugier kann nicht nur Klatsch und Tratsch produzieren. Vor allem ist sie Antreiber von Wirtschaft und Gesellschaft.

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig“, soll Einstein gesagt haben. Was wie Koketterie klingt, ist vermutlich die Wahrheit. Denn nichts anderes als reine Neugier verlangen Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer, wenn es um es berufliche Qualifikation, Innovationen und Fortschritt geht. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise zählt die altmodisch anmutende, manchmal gar nervende Neugier zu den großen Tugenden, die leidenschaftlich beschworen werden. Zuletzt tat das sogar US-Präsident Barack Obama, der in seiner Antrittsrede wieder mehr „curiosity“ forderte. Der letzte US-Präsident, der diese uramerikanische Eigenschaft in seiner Ansprache erwähnte, war William Henry Harrison 1841.

„Neugier gibt den Anstoß, die Welt jenseits des bereits vorhandenen Wissens zu erkunden und die Grenzen zum Neuland immer wieder zu überschreiten“, erklärt Helga Nowotny, Professorin für Sozialwissenschaften an der ETH Zürich, in einem Beitrag für die Zeitschrift „ Merkur“, die der Neugier einen Sammelband (Heft 9/10, 2008) gewidmet hat. „Vom Wortsinn her meint der Begriff der Neugier zunächst nichts weiter als eine psychische oder intellektuelle Disposition, ein Wollen des Neuen“, sagt der Soziologe Friedrich Pohlmann. Neugier hilft, „die Fragen zu stellen, die den Weg aufzeigen. Und sie zeigt den Weg, der zu neuen Fragestellungen führt“, fügt Professorin Nowotny hinzu.

Neugier ist in dieser Weise ein kreativer Akt. „Wenn ein von Neugier geleitetes Handeln dann auch tatsächlich Neues zutage gefördert hat, dann hat ein kreativer Akt stattgefunden“, sagt Pohlmann. Der Begriff der Kreativität ist mit dem der Neugier verkoppelt. „Er meint in seiner Grundbedeutung nichts anderes als jenes neugierige Eindringen in Unbekanntes, aus dem Neues entspringt“, erklärt Pohlmann. Die Neugierde als Tugend, die Neues und damit Ideen schafft, ermöglicht den Wohlstand einer Gesellschaft. Und je mehr Menschen neugierig sind, desto größer und erfolgreicher wird der Wettbewerb.

Die weitaus meisten Neuerungen kommen durch Neugier zustande. Allerdings finden sie nicht immer gleich einen Markt: Der von Nikolaus Otto erfundene Verbrennungsmotor wurde erst richtig erfolgreich, als er im Automobil zum Einsatz kam. Der MP3-Player, eine deutsche Innovation, begann erst sechs Jahre nach seiner Erfindung seinen Siegeszug – im iPod. Neugier und neue Ideen allein genügen also nicht. Sie können sich nur dort erfolgreich entfalten, wo Menschen die Chancen haben, an transparenten Wissensmärkten teilzuhaben und Ideen auszutauschen – früher in Europa allein durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern, heute weltweit durch die elektronischen Medien.

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