Neun Tote bei Massaker in Kirche
Chronologie des Unfassbaren

Neun tote Afroamerikaner - erschossen in einer Kirche: Wieder erschüttert eine Tragödie die USA, gewachsen auf einem Nährboden aus wirrem Rassismus, Gewalt und Waffenliebe. Eine Annäherung.
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San FranciscoWird er Schwarze erschießen? „Klar“, sagt ein früherer Zimmergenosse aus Schulzeiten, „davon hat er immer gesprochen. Er wollte einen Bürgerkrieg anzetteln.“ Doch fehlten dem jungen, hasserfüllten Mann die Mittel.

Die bekam der Täter, der kürzlich in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina neun Afroamerikaner erschossen hat, später von seinem Vater. Im April, zu seinem 21. Geburtstag, schenkte der ihm eine Handfeuerwaffe, erklärt der Onkel laut Nachrichtenagentur Reuters. Das ist nicht unüblich in konservativen Südstaaten wie South Carolina. Ermöglicht wird das durch ein legales Schlupfloch, das von den Gegnern lascher Waffengesetze angeprangert wird.

Der Jugendliche war der Polizei nicht unbekannt. Ihm stand ein Verfahren wegen Drogenbesitzes bevor. Die vorgeschriebene Überprüfung bei einem Waffenkauf hätte er damit nicht bestanden. Aber South Carolina macht eine Ausnahme: Private Waffendeals können ohne Eignungsprüfung abgeschlossen werden. Nach dem Massaker muss der Vater deswegen wohl auch keine Konsequenzen fürchten. Es sei denn, er wusste von dem anstehenden Verfahren.
Diese für die Waffenindustrie äußerst freundliche Gesetzgebung ist offenbar für einen Großteil der Verbrechen verantwortlich. Die Webseite „smartgunlaws.org“ zitiert eine Befragung von Insassen in 13 Staatsgefängnissen. Demnach hätten lediglich 13 Prozent der Straftäter ihre Waffe legal in einem Geschäft gekauft. 96 Prozent derjenigen, die zur Tatzeit legal keine Waffe mehr bekommen hätten, besorgten sie sich über ein nicht reguliertes Privatgeschäft. So wie Vater und Sohn.

Vor ein paar Tagen dann, am 17. Juni, setzte der frischgebackene Waffenbesitzer seine menschenverachtende Weltvorstellung in die Tat um. In einer Kirche in Charleston ermordete er neun Afroamerikaner im Alter zwischen 26 und 87 Jahren. Ein fünfjähriges Mädchen wird später aussagen, sie habe nur überlebt, weil sie sich totgestellt habe.

Nach fast 24 Stunden nahm die Polizei den Mann fest. Ein Jugendfreund hatte ihn auf Fahndungsfotos erkannt. Wiederstandlos ergab er sich, 250 Meilen vom Tatort entfernt. Er wollte offenbar nicht sterben, keinen Selbstmord begehen oder sich von der Polizei erschießen lassen. Er will offenbar leben, seine wirre Geschichte verbreiten, wahrscheinlich hofft er auf ein langes, öffentliches Gerichtsverfahren.

Ein Hinweis auf das Nummernschild seines Autos habe die Polizei auf seine Spur gebracht. Darauf ist die Kriegsfahne der Konföderierten zu sehen, die Armee der Südstaaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg für den Erhalt der Sklaverei gekämpft hatten.

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